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 Ludwig Adolf Christian von Grolman

Ludwig Adolf Christian von Grolman, von Erich Hubbertz

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei Herrn Hubbertz recht herzlich für die Überlas­sung seiner Originalunterlagen und die interessanten Ausführungen bedanken:

 

 

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Vorwort

 

Die Anregungen zu der vorliegenden Arbeit gab mir die literarische Begegnung mit dem Menschen und Bruder Ludwig Adolf Christian von Grolman bei der Erforschung des Werdens und Wachsens der Loge PAX INIMICA MALIS zu Emmerich. Die in einer kleinen Schrift<!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--> mitgeteilte Beziehung von Grolman’s zu eben dieser Loge blieb trotz der sehr arbeitsaufwendigen Bearbeitung eines umfangrei­chen Quellenmaterials zunächst unbewiesen. Erst im Januar dieses Jahres fand sich ein Foto<!--[if !supportFootnotes]-->[2]<!--[endif]--> jenes Abzeichen der emmericher Loge, das in der besagten Schrift erwähnt wird. Hiermit dürfte der Kontakt Grolman’s zur emmericher Loge zwar hinreichend bewiesen sein. [Nachforschungen in dieser Frage im Familienarchiv der von Grolman’s haben auch zu keinem konkreten Ergebnis geführt. Im extrem aber bleiben Umfang u. Bedingung (Berührung) dieser Kontakte] im Verlauf meiner Recherchen ein Persönlichkeitsbild jenes ersten Mei­sters vom Stuhl der Loge "Ludwig zu den drey goldenen Löwen" in Gießen gewonnen, das mir aus mancherlei Gründen einer eingehenderen Beschäftigung mit ihm wert erschien. Zum einen erwies sich das in der erreichbaren Literatur gezeichnete Bild als weitgehend verzerrt und darum korrektur­bedürftig; zum anderen stellte sich die Frage nach den Motiven der Verzeichner seines Persönlich­keitsbildes und den Gründen für die Verfestigung dieses Zerrbildes in der Literatur.

 

Bei der Untersuchung der Zusammenhänge ergaben sich unerwartete Perspektiven, die zu einer zwar behutsamen aber dennoch eindeutigen Distanzierung von dem uns überlieferten Bild führten. Sie ließen nicht nur den Menschen und Freimaurer in einem anderen Licht erscheinen, sondern machten es notwendig die von Grolman - und den ihm Gleichgesinnten - ausgegangenen Impulse auf die Entwicklung der Freimaurerei in Deutschland anders als bislang zu sehen und zu interpretie­ren. Die von der Deutschen Bischhofskonferenz in diesen Tagen publizierte Ansicht, eine gleichzei­tige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zur Freimaurerei sei unvereinbar, gibt der Aufarbei­tung des Grolman’schen Lebensbildes insoweit eine unerwartete Aktualität, als ihm von seinen Kontrahenten immer wieder der Vorwurf gemacht wurde, er habe in seinen Auseinandersetzungen mit den zu seiner Zeit so vielfältigen Fehlentwicklungen innerhalb der Freimaurerei weit übers Ziel hinausgeschossen und auf diese Weise den Gegnern der Freimaurerei höchstwillkommene Argu­mente geliefert. Dieser Behauptung soll auch keineswegs eine gewisse Berechtigung abgesprochen werden, aber ganz sicher wird hier eine Überbewertung expliziert, die in einer ideologischen Betrach­tungsweise ihren Nährboden hat. Die Einseitigkeit einer solchen Sicht hindert daran, die anstehende Problematik in ihrer ganzen Komplexität zu umgreifen. Derjenige aber, der im Rückgriff auf Äußerun­gen Grolman’s glaubt heute noch gegen die Freimaurerei argumentieren zu können, verdrängt bewußt die für jedermann offenkundige Tatsache, daß die Menschen unserer Tage ebensowenig wie die Freimaurerei noch die Menschen und die Freimaurerei des ausklingenden 18. Jahrhunderts sind. Das werden auch die zugeben müssen, die ein altes längst verfallenes Feindbild von der Freimaure­rei aus der ideologischen Mottenkiste hervorkramen und wieder aufrichten möchten.

 

Die Erkenntnis, daß man Ereignisse und Prozesse der Vergangenheit nicht an den Kategorien unse­res heutigen politischen und gesellschaftlichen Verständnisses messen kann, sondern sie aus ihren damaligen Voraussetzungen interpretieren muß, hat sich in der Historiographie längst durchgesetzt. Es wäre zu wünschen, daß ein auf diese Erkenntnis basierender Umgang mit Geschichte Allge­meinpraxis aller würde, bei uns selbst, aber auch bei unseren Gegnern.

 

Mit den vielfältigen Umorientierungen innerhalb unserer Gesellschaft an die Arbeit des Historikers gewandelt. Die Forschung stellt heute andere Fragen an die Vergangenheit und erschließt so völlig neue Bereiche. Aus den veränderten Fragestellungen resultieren neue Erkenntnisse und Wertungen. So bleibt die Forschung in stetem Fluß. Und nur so kann sie dem Menschen Orientierungshilfen in der Gegenwart geben.

 

 

 

 

Lebenslauf Ludwig Adolf Christian (von) Grolman

 

geb. 5. 12. 1741 Gießen (Auszug Taufregister)

gest. 25. 12. 1809 Gießen (Auszug Sterberegister)

beerdigt 27. 12. 1809 Gießen (Auszug Sterberegister)

14 Jahre konfirmiert 1756 (Konfirmandenliste)

15 Jahre immatrikuliert Gießen 17. 10. 1757 (Matrikel) Jura

1762 Aufnahme in eine frz. Offiziersloge

1762 u. 1763 Göttingen (20 Jahre)

1763 Abschiedsgedicht J. H. in Lemgo

1764 Aufnahme in eine Winkelloge frz. Offizier Göttingen

22. 8. 1764 Aufnahme alle drei Grade in der Loge "Georg" Hannover (Loge bestand 1762-1764)

1. 9. 1767 Verlöbnis

11. 10. 1767 Heirat (Trauregister)

1767 als Lgfl. (?) hessen-darmstädtischer Assessor in Gießen abgeordnet zum Reichskammerge­richt in Wetzlar

1769 Regierungsrat

1772 Vertreter der Stimme von Hessen-Darmstadt in Wetzlar (Subdelegatius(?) bei der Reichskam­mergerichtsvisitation in Wetzlar

1774 (Subdelegatius(?) bei der Reichskammergerichtsvisitation in Kassel

1775 Lgfl. (?) hessen-kasselischer Legationsrat

1775 von Braunschweig-Kalenberg

1776 Geh. (?)... des Fürstentums Hersfeld

1776 Landgräflich hess.-darmstädtischer Geh. Reg. Rat in Gießen

1780 Direktor des Regierungskollegs sowie des Kirchen und Schulrates von Oberhessen Konsistorialdirektor

29. 9. 1786 preußischer Briefadel

1789 Kauf des Ritterguts Heiberthausen bei Lollar nördlich Gießen

1789 (mit Starck) Kur in Schwalbach

1791 18. 10. 1791 verpflichtet gemeinsam mit Reg. Rat u. Strecker Rat und Bürgerschaft der Stadt Wetzlar auf den neuen Schutzherrn Landgraf Ludwig X. von Hessen

1803 längere Zeit in Arnsberg: Übergang des Herzogtums Westfalen (Grafschaft Arnsberg u. a. vorher Besitz von Kur Köln) an Hessen-Darmstadt

1806 am 15.2. rückwirkend zum 15. 1. 1806 zum Wirkl. Geheimrat ernannt

 

 

Mitgl. Liste "Jos. zu den drey Helmen":

Fürstl. hessen-darmstädtischer Regierungsrat zu Gießen und dermaliger Fürst. Braunschweig-Calenbergischer Gesandter bei der Kammergericht. Visitation IV. Grad ordentliches Mitglied der großen Loge zu Frankfurt

 

Herkunft und Kindheit

 

Unter dem 5. Dezember 1741 trägt der würdige erste Stadtpfarrer von Gießen Johann Andreas Schilling, zugleich erster Burgprediger am landgräflichen Schloß die nachstehende Notiz in das Tauf­register der lutherischen Gemeinde ein: Ludwig Adolf Christian, Herrn Johann Dethmar Grollmanns H(och) Fürstl(ichen) H(essen)-Darmst(ädtischen) Consistorial-Raths allhier, und Frau Louisen Catha­rinen (des weyl(and) H(och)-Fürstl(ichen) H(essen)-Darmst(ädtischen) wirkl(ichen) Geh(eim)-Raths, Universitäts-Cantzlars, und Prof(essor) Juris primarii, Herrn Melchior Dethmar Grollmanns, mit Fr(au) Marien Claren, geb(orene) Mollenbeckin, erziehlten zweyten Tochter erstes Söhnlein.

 

Diese Eintragung vervollständigt eine Aufzählung der Taufpaten. An erster Stelle wird die Großmutter väterlicherseits genannt, es folgt die Witwe des verstorbenen Professors der Medizin Theodor Bart­hold, eine geborene Mollenbeck, dann der preußische Regierungsrat Hermann Adolph Grollmann aus Cleve, ein Bruder des Vaters und schließlich der Kandidat der Rechtswissenschaften Georg Christian, ein Bruder der Mutter.

 

Die Personenbestimmung der hier aufgeführten Namen bereitet selbst dem Kenner der Familienver­hältnisse einige Schwierigkeiten, da die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht immer ohne die Zuhilfenahme des Stammbaums oder anderer genealogischer Unterlagen eindeutig zu klären sind. Damit stoßen wir zu Beginn dieses jungen Lebens auf ein geradezu familienspezifisches Phänomen, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Familie zurückverfolgen läßt und das auch im Leben des kleinen Täuflings noch einmal eine lebensentscheidende Rolle spielen wird. Gemeint sind die Verwandtenehen unter den Namensträgern Grolman und verschiedener mit ihnen verwand­ter und versippter Familien. Professor Dr. Siegfried Rösch hat sich 1955 in seiner "Quantitativen Genealogie" mit diesen Vorkommnissen befaßt und sie ein weiteres Mal in einem Diagramm inner­halb eines 1957 erschienen Aufsatzes "Die Professorengalerie der Gießener Universität" optisch dargestellt<!--[if !supportFootnotes]-->[3]<!--[endif]-->.

 

Grolman’s Familie läßt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Von der Abtei in Essen war ihr im Kirchspiel Wattenscheid ein Gut als Lehen übertragen worden, das zu deren Hof in Huckarde gehörte und den Namen zum Grole trug. Einem damaligen Brauch gemäß wurde der Inhaber des Lehens nach diesem Gut Grolman gerufen. Einer von ihnen, der Jasper vom Schehe genannt Grolman und seiner Ehefrau Katharina Bußdrieß wird am 27. Februar 1635 ein Sohn Georg geboren, der in der Biographie des Karl Ludwig Wilhelm von Grolman als der Stammvater des ganzen Geschlechts bezeichnet wird. Georg stirbt an seinem Geburtstag im Jahre 1714 als Kaufmann und kurfürstlich-brandenburgischer Rentmeister zu Bochum. Er hinterläßt vier Söhne. Der zweite dieser Söhne, der Großvater unseres Ludwig Adolf Christian, Paul Adolf wird am 10. April 1664 in Bochum  geboren. Als Dr. jur. und preußischer Geheimer Justizrat in Kleve heiratet er Katharina Margarete von Vultejus. Er stirbt am 8. Juli 1730 in Wetzlar. Der 1741 geborene Ludwig Adolf Christian hat demnach seinen Großvater nicht mehr gekannt. Dr. Paul Adolf Grolman hatte drei Söhne. Der Jüng­ste von Ihnen ist Johann Dethmar, der Vater unseres Grolman’s. Johann Dethmar wurde am 10. Sep­tember 1702 geboren, heiratete seine aus Gießen stammende Cousine Luise Katharina Grolman und starb am 5. Juli 1759 als landgräflich hessen-darmstädtischer Konsistorialrat in Gießen. Ludwig Adolf Christian ist beim Tode seines Vaters 17 Jahre alt und Student an der Universität in Gießen. Seine Mutter hingegen stirbt 77jährig am 21. September 1795, wodurch es ihr vergönnt ist den Lebensweg ihres Sohnes bis zu seiner Ernennung zum Regierungsdirektor und seiner Erhebung in den Adelsstand mit zu erleben.

 

Über Grolman’s Kindheit kann nichts konkretes gesagt werden. Das einzige auf unsere Tage über­kommene Dokument ist ein kleines Medaillon mit dem Porträt des damals vielleicht Fünfjährigen. Es befindet sich zusammen mit den Bildnissen einer ganzen Reihe von Vettern und Cousinen - nach Form und Stil wohl alle von der Hand ein und desselben Malers - über - und nebeneinander geordnet auf einer Bildtafel. Das Medaillon wurde nie wie die auf der Reproduktion sichtbare Locke leicht ver­muten läßt - als Anhänger oder Brosche getragen, sondern von Anfang an für diese kleine Porträt­sammlung angefertigt. Die in der Reproduktion sichtbare Locke hatte die Großmutter dem Knaben abgeschnitten und hinter die Miniatur gesteckt.

 

Das Leben des Knaben dürfte sich, wie es sich für Kinder seiner Herkunft geziemte, überwiegend im Elternhaus abgespielt haben, nur hin und wieder unterbrochen von Besuchen bei Verwandten in der Stadt, oder aber auch seltener in Bochum oder Cleve. Lediglich der elterliche Garten öffnete sich den Abenteuern des phantasievollen Buben und ließ ihn für Stunden die Strenge des väterlichen Regi­ments vergessen.

 

Obwohl Gießen zu dieser Zeit in Johann Balthasar Koch, Johann Friedrich Caspari und Johann Kon­rad Euler recht brauchbare Stadtschulmeister besaß, blieb der Besuch der Stadtschule für den klei­nen Ludwig indiskutabel. Kinder seiner sozialen Herkunft erhielten ihre Elementarausbildung grund­sätzlich im Elternhaus. Soweit der Unterricht nicht von befähigten Familienmitgliedern erteilt wurde - und das galt oft auch nur für die beiden ersten Jahre - wurden Hauslehrer angestellt. Bei ihnen handelte es sich meist um angehende Predikanten und Schulmeister, die für ihre Tätigkeit selten mehr als Kost und Logis erhielten und für die der Kontakt zu den einflußreichen Familien und die Vor­teile, die sie sich daraus für ihre Zukunft errechneten, mehr Gewicht hatten als das Brot, das man ihnen gab. Wir kennen diese häusliche Grundausbildung auch aus der Lebensgeschichte seines Vetternsohnes Karl Ludwig Wilhelm des späteren Rektors der Gießener Universität, im 3. Band der Hessischen Biographien, S. 152.

 

Aufbauend auf die im Elternhaus genossene Grundausbildung bereiteten sich die künftigen Studen­ten in einer dreijährigen Ausbildung auf dem Pädagogium - oder wie die Gießener ihr akademisches Gymnasium verkürzt nannten, dem Pädagog - auf den Besuch bei der Universität vor. Leider existie­ren aus der Zeit Grolman keine Schülerlisten mehr. Geht man aber von der damals praktizierten Regel aus, so wird man seinen Aufenthalt auf  dem Pädagog zwischen den Jahren 1753-1757 als ziemlich gesichert annehmen dürfen.

 

Pädagogiarch, das heißt Leiter der Anstalt, ist in den Jahren von 1734-1782 Johann Benner. Benner ist gleichzeitig Professor der Theologie und Superintendent der Gießener Diözese, nachdem er bereits in den Jahren von 1733-1740 an der gleichen Universität als Professor der Philosophie tätig gewesen war. Nach allem, was wir von Benner wissen, dürfen wir annehmen, daß er auf die reli­giöse Entwicklung, aber auch auf das Welt- und Lebensbild des für alles Religiöse sehr empfänglichen Knaben einen entscheidenden Einfluß ausgeübt hat. Dies in Verbindung mit der streng religiösen Erziehung im Elternhaus zu sehen, läßt manches, das seine Gegner dem alternden Grolman vorgeworfen hatten, in einem anderen Licht erscheinen. Benner wird von vielen Zeitgenos­sen als ehrlich, aber auch sehr selbstbewußt, herrschsüchtig und unduldsam beschrieben. Der von Benner als Freigeist verdächtigte Aufklärungstheologe Karl Friedrich Bardt entwirft in seiner Selbst­biographie ein Bild von Benner, das nicht frei von Haß und Bosheit ist: "Dieser Mann - ohngefär 80 Jahr alt - ein wahres Genie - mit vielen Kenntnissen versehen - ein guter Lateiner - ein witziger Kopf - aber ganz gemacht, Loyolas Nachfolger zu werden - voller Ränke und Intrigen - und in Seligkeit schwimmend, wenn er einen recht ängstigen und quälen konnte - und beide Augen, wenn er lachte oder vielmehr grinste, mit hundert Falten umkränzt - für mich das physiognomische Zeichen des fal­schen und tückischen Menschen... In seiner Person vereinigte sich alles, was die Herzen der Einfäl­tigen zu täuschen und zu betören erforderlich war. Er war (allerdings 25 Jahre nach Grolman’s Päda­gigbesuch) ein alter Greis, den sein hohes Alter schon überall ehrfürchtig machte. Er war der vor­nehmste Mann im ganzen Oberfürstentum Hessen, als erster Professor und Generalsuperintendent. Er galt dabei für den heiligsten Mann im ganzen Lande. Denn wenn die Betglocke zum Vater-Unser kommandierte: so war er gewöhnlich auf der Gasse (das wußte er so einzurichten) und blieb beim ersten Anschlage, wie vom Blitze gerührt stehen; hielt mit großer Devotion seinen Hut vor's Gesicht und betete - wenigstens vier Minuten lang an seinem Vater-Unser. Endlich was das wichtigste war, er hatte seit beinahe 50 Jahren in Gießen als Professor gestanden, hatte... Gott weiß wie viele tot geärgert, hatte sich im ganzen Land Ansehen und Furcht erworben, hatte überall, in allen Kollegiis, in allen Ämtern, auf allen Pfarreien Schüler sitzen, die ihn noch von ihren Studentenjahren her vergötter­ten".

 

Soweit Bardt, der gerade durch die letzten Zeilen verrät, daß seine Schilderung der Persönlichkeit Benners eine recht einseitige ist und nicht frei von boshaften Übertreibungen. Trotzdem habe ich die­ser Überzeichnung den Vorzug gegenüber anderen verfügbaren Personenbeschreibungen gegeben, da Benner wie kaum ein anderer die Persönlichkeit Grolman’s in seiner empfänglichsten Entwick­lungsphase geprägt hat. Dafür sprechen neben seiner Lehrtätigkeit am Pädagogium die an der Uni­versität, die Grolman gleich im Anschluß an seine Pädagogzeit bezog und nicht zuletzt auch die dienstlichen Kontakte Benners zu Grolman’s Vater, Johann Dethmar, der seit 1739 dem Gießener Konsistorium angehörte. Hieraus und aus dem Umstand, daß das Pädagogium und Grolman’s Elternhaus direkt nebeneinander lagen, darf man wohl ebenso sicher auf einen engeren Umgang beider Familien schließen, zumal die soziale Schicht, der sie angehörten, zwar gewichtig, zahlen­mäßig jedoch recht klein war.

 

Benner reformierte gleich zu Beginn seines Pädagogiarchats den gesamten Lehrplan, führte neue Lehrbücher ein und ordnete an, daß die Schüler im letzten Viertel der Unterrichtsstunde dazu anzuhalten seien unanständige Sitten abzulegen und sich einer höflichen Conduite zu befleißigen. Letzteres scheint wohl besonders notwendig gewesen zu sein, wenn man den zeitgenössischen Tagebüchern Glauben schenken will, und worauf noch später zurückzukommen sein wird.

 

Ostern 1756 - Grolman war im voraufgegangenen Dezember vierzehn Jahre alt geworden - wird er zusammen mit seinem Vetter Johann Jakob Helferich Mollenbeck in der Stadtkirche konfirmiert. Die kirchliche Feier fand in der Stadtkirche statt, die dem heiligen Pankratius geweiht war. Die Stadtkir­che, die auf dem Stich von Chr. Riegel des Jahres 1686 das Stadtpanorama überragt, wie auch auf der Lithographie des Louis Wenzel aus dem Jahre 1775 wurde im 16. Jahrhundert fertiggestellt, nachdem man bereits 1484 mit dem Bau des Glockenturmes begonnen hatte. Ein genaueres Bild als aus den beiden genannten Ansichten gewinnen wir aus einer ein wenig dilettantischen Zeichnung des 18. Jahrhundert,  die den Zustand der Kirche zu Grolman’s Zeiten wiedergibt. Sie wurde noch vor dessen Tod bis auf den Glockenturm abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

 

Die Familienfeier dürfte im Grolman’schen Haus in der Sonnenstraße stattgefunden haben, vielleicht zusammen mit den Mollenbecks. Eine allerdings ebenfalls dilettantische Zeichnung dieses Hauses finden wir auf der Stadtansicht des Richard Hügle aus dem Jahre 1841. Zu dieser Zeit ist das Haus, in dem wir auch das Geburtshaus Grolman’s zu sehen haben, nicht mehr im Besitz der Familie. Es ist inzwischen - wohl aufgrund seiner Größe und seiner repräsentativen Räumlichkeiten - vom Wohnhaus zum Gesellschaftshaus umfunktioniert worden. In der Bevölkerung hieß das Haus seither "der Club"

 

Mit der vom Pfarrer Johann Heinrich Heuser vollzogenen Konfirmation endet die Kindheit des jungen Ludwig, der wie seine Mitschüler der dritten Pädagogklasse voller Ungeduld dem verlockenden Studentenleben entgegenfiebert.

 

Universitätsjahre

 

Archiv Hubbertz                                 Bestand: Grolman

 

1.3                          Universität Gießen

 

1.31                        Auszug aus der Matrikel

1.32 a-e  Rektor und Professoren 1752

1.33 a-d  Rösch, Professorengalerie (1964)

1.34 a-e  Professoren-Register

1.35                        Register 1749-63

1.36 a-c  Geschichte der Gießener Universität 1607-1807

1.36 c-e  und Rauch, Professorengalerie

1.36 f-g                  Basis, Bildnisse in der Aula

1.36 g-i                   Rösch, Universitätsaula

1.36 km   Bernbeck, Studienjahre

1.37 a-g  Rösch, Professoren-Galerie (1952)

1.39.1                     Collegiengebäude 1754

1.39.2                     Universitätsgebäude 1841

1.39.3                     Kollegiengebäude 1746

1.39.4                  "

1.39.5                     Kollegiengebäude Grundriss

1.39.8                     Karthold

 

1.4                          Universität Göttingen

 

               

                               genaue Liste von Rektoren und Professoren zwischen 1757-1762

 

 

Universitätsjahre

 

Am 17. Oktober 1757 trägt sich der fünfzehnjährige Ludwig als siebter Grolman in die Matrikel der Universität in Gießen ein. Er schreibt seinen Namen einem zu dieser Zeit im akademischen Raum weit verbreiteten Brauch folgend in einer lateinisierten Form ein: Grolman, Ludovicus Adolphus Chri­stianus, Giessenis. Dokumentarische Unterlagen über sein Studium sind weder im Universitätsarchiv als auch in dem der Familie aufzufinden. Wohl teilte mir ein Genealoge der Familie auf meine Anfrage mit "natürlich Jura" und der spätere Lebensweg läßt auch auf ein Jurastudium schließen, doch läßt sich diese Annahme keineswegs belegen. Geht man von dieser naheliegenden Annahme aus, so wird man ebenso gewiß im Hinblick auf damalige Gepflogenheiten davon ausgehen können, daß Ludwig neben den juristischen auch theologische und naturwissenschaftliche Vorlesungen besucht hat.

 

Die Matrikel weist auf Seite 215 den Professor der Theologie D. Reinhard Heinrich Roll, der sich Reinhardus Henricus Rollius nennt, als Rektor aus. Obwohl, vielleicht auf die Wirren des Siebenjäh­rigen Krieges zurückzuführen, aus den Jahren von 1757 bis 1760 keine Vorlesungsverzeichnisse aufzufinden sind, wird man auf das Vorlesungsverzeichnis von 1756 zurückgreifen in dem Professor Franz Justus Karthold mit Sicherheit den wichtigsten der Lehrer Grolman’s zu sehen haben. Von ihm ist heute noch ein recht ansprechendes Porträt in der sogenannten Professorengalerie im Senatssaal der Universität zu bewundern. Ferner dürften die Professoren Gottlob August Jenichen und Christoph Ludwig Koch die weiteren Lehrer Grolman’s gewesen sein. Im Sommersemester 1758 hält Professor Thom sein erstes Kolleg über ökonomische Polizei- und Kameralwissenschaft, bei dem man wohl auch Grolman unter den Kollegiaten vermuten sollte. Im November dieses Jahres gerät der Lehrbe­trieb bei der Besetzung Gießens in eine große Unordnung. Bereits am 30. Juli 1757 waren die Fran­zosen von Frankfurt kommend vor Gießen erschienen. Doch hatte der Stadtkommandant von Drech­sel eine Besetzung verhindern können. Nur der kommandierende General der Franzosen, der Marschall Richelieu bezog mit seinem Stab Quartier in der Stadt, wobei er und seine Offiziere in den vornehmsten Häusern logierten. Das Grolman’sche Haus dürfte mit Sicherheit als eines der ansehn­lichsten Häuser in der Stadt Einquartierung erhalten und Ludwig so Kontakt mit den französischen Offizieren gehabt haben, die am 27. August die Stadt wieder verließen.

 

Erst im November 1758 wird die Stadt von den Franzosen mit 3.000 Mann endgültig besetzt. Jedes der Häuser mußte bis zu 12 Soldaten aufnehmen und nicht ein einziges wurde dabei ausgelassen. Das Rathaus diente den katholischen Franzosen als Kirche und die Räume in der Universität wurden mit Ausnahme der Bibliothek, der Registratur und des Konsistoriums, das dort ebenfalls seinen Amtssitz hatte, in ein Lazarett umgewandelt. Der Lehrbetrieb wurde ins Pädagogium verlegt, so weit die vorhandenen Räume ihn aufzunehmen imstande waren und zahlreiche Vorlesungen mußten in den Professorenwohnungen gehalten werden.

 

Aber bis zum Einzug der Franzosen hat Grolman ein volles Jahr Gelegenheit seinen Studien in dem 1611 am Brandplatz errichteten Collegium Ludovicanum nachzugehen und sich, so weit elterliche Aufsicht es zuließ, an dem zu dieser Zeit recht wilden Studentenleben teilzunehmen. Wir können uns über die damaligen Verhältnisse ein recht gutes Bild machen, da uns in den Studentenstammbü­chern, der Memoirenliteratur und den Universitätsakten ein reichliches Zeugnismaterial zur Verfü­gung steht. In seiner Selbstbiographie schreibt Knapp (S. 30) einen Satz, den auch Grolman geschrieben haben könnte: "So war denn der von jedem Jüngling heißersehnte Augenblick erschie­nen, der mich auf die Akademie bringen sollte". Knapp schreibt hier zwar über seinen Studienbeginn 1797 in Jena, aber was er schreibt, kann ohne Einschränkung für die Verhältnisse in Gießen des Jahres 1757 angenommen werden: "Im berühmten Gasthaus zum goldenen Hufeisen trafen wir eini­ge Menschen, welche ihr Äußeres, die hohen Stürmer (Hüte), weit auf die Schultern herabhängendes dichtes gescheiteltes Haupthaar, steife bis auf den halben Schenkel heraufgehende Stiefel (Kanonen), klirrende Sporen mit Rädern von der Größe eines Talerstückes, und endlich der Dornen­stock, dessen berühmter Name Ziegenhainer uns damals noch fremd war, uns sogleich als echte Burschen bezeichnete. Da wir auch nicht so ganz übel aussahen und schon einen ziemlich passen­den Hut und Mantel, damals Chenille genannt, trugen, so hielten die Herren uns für Kollegen von einem anderen, freilich geringeren Musensitz, und taten uns die Ehre an, mit uns bei einer Kanne Bier Schmollis zu trinken." Aber es blieb nicht immer bei diesem zwar lauten und nicht selten die Bürger provozierenden, im Grunde aber doch noch harmlosen Auftreten der Studiosi. Laukhard, der von 1775 bis 1778 in Gießen studierte und dessen "Magister F. Ch. Laukhard’s Leben und Schicksale von ihm selbst beschrieben" zu den wertvollsten Beiträgen der Kulturgeschichte des 18. Jahrhun­derts zählt, berichtet aus dieser Zeit: "Gießen selbst ist ein elendes Nest, worin auch nicht eine schöne Straße, beinahe kein einziges schönes Gebäude hervorragt, wenn man das Zeughaus und das Universitätsgebäude ausnimmt. ...Schlägereien sind in Gießen gar nicht selten. So klein die Uni­versität ist, so viel Balgereien fallen vor; manchmal haben sie einen gefährlichen Ausgang. Zu meiner Zeit war es üblich sich auf der öffentlichen Straße zu schlagen. In diesem Fall ging der Herausforde­rer vor das Fenster des Gegners, nahm seinen Hieber, hieb damit einigemal in das Pflaster und schrie: "Pereat - hier folgte der Name des Herausgeforderten, der Schweinekerl usw." Nun erschien der Herausgeforderte. Die Schlägerei ging vor sich; endlich kam der Pedell, gab Inhibition, und die Raufer kamen in den Karzer; und so hatte der Spaß ein Ende."

 

Diese kurze Schilderung mag genügen einen Eindruck zu vermitteln von der kleinen aber doch auch sehr unruhigen Welt, in die Grolman eingetreten war. Dabei soll ein wichtiger Aspekt studentischen Lebens hier noch ausgespart bleiben, der in der damaligen Zeit bereits eine bedeutende Rolle spielt und der Grolman in späteren Jahren noch sehr beschäftigen sollte, an dem Grolman während seiner Universitätsjahre in Gießen aber sicherlich noch keinen Anteil hatte, die Studentenorden.

 

Wichtiger als Sitten und Bräuche des studentischen Lebens dürften für ihn und seine Entwicklung die Verhältnisse an der Universität selbst und innerhalb der lokalen Gesellschaft gewesen sein. Als einer der wichtigsten Zeugen sei hier Goethe zitiert, der in seinem 12. Buch von "Dichtung und Wahrheit" schreibt: "Von Mercken, der eben freie Zeit hatte, hoffte ich nun, daß er seinen Aufenthalt in Gießen verlängern würde, damit ich einige Stunden des Tages mit meinen guten Höpfner zubringen könnte, indessen der Freund seine Zeit an die Frankfurter gelehrten Anzeigen wendete; allein er war nicht zu bewegen, und wie meinen Schwager die Liebe, so trieb diesen der Haß von der Universität weg. Denn wie es angeborene Antipathien gibt, so wie gewisse Menschen die Katzen nicht leiden können, anderen dieses oder jenes zuwider ist, so war Merck ein Todfeind aller akademischen Bürger, die nun freilich zu jener Zeit in Gießen sich in der tiefsten Roheit gefielen. Mir waren sie ganz recht: ich hätte sie wohl auch als Masken in einem meiner Fastnachtsspiele brauchen können; aber ihm ver­darb ihr Anblick bei Tage und des Nachts ihr Gebrüll jede Art von gutem Humor. Er hatte die Schön’ste Zeit seiner jungen Tage in der französischen Schweiz zugebracht und nachher den freundlichen Umgang von Hof-, Welt- und Geschäftsleuten und gebildeten Literatoren genossen; mehrere Militär­personen, in denen ein Streben nach Geisteskultur rege geworden, suchten ihn auf, und so bewegte er ein Leben in einem sehr gebildeten Zirkel. Daß ihn daher jenes Unwesen ärgerte, war nicht zu verwundern; allein seine Abneigung gegen die Studiosen war wirklich leidenschaftlicher, als es einem gesetzten Manne geziemte, wie wohl er mich durch seine geistreichen Schilderungen ihres ungeheuerlichen Aussehens und Betragens sehr oft zum Lachen brachte. Höpfners Einladungen und mein Zureden halfen nichts, ich mußte baldmöglichst mit ihm nach Wetzlar wandern."

 

Lauk­hard behauptet in seinen Lebenserinnerungen "schlechtere Professoren gab es wohl nirgends" und er läßt in seiner Beschreibung an den meisten kein gutes Haar. Es mag sein, daß in die Laukhard’sche Schilderung gewisse Animositäten eingeflossen sind, aber es stimmt doch nachdenklich, daß er die Verhältnisse an der Universität und in der Stadt nicht alleine so sieht, wie die voraufge­gangenen Zitate beweisen und wie es auch bei Dr. Karl Friedrich Bardt in seiner "Geschichte meines Lebens, meiner Meinung und Schicksale" nachzulesen ist. In 11 Kapiteln beschreibt Bardt seine Jahre in Gießen, in denen er von 1775 bis 1779 als Professor der Theologie an der Universität tätig ist. Auch er spricht sich über seine damaligen Kollegen recht ungünstig aus und schildert mit Aus­nahme des Kanzlers Koch und des Mediziners Baumer alle anderen als boshafte Orthodoxe oder als Schwachköpfe. Selbst wenn man die Urteile Bardt’s über seine Kollegen mit einer gewissen Skepsis zur Kenntnis nimmt, machen sie aber doch überdeutlich, daß Parteistreitigkeiten und boshafte Reibe­reien an der Tagesordnung sind. Diese Streitereien sind vielfach persönlicher Natur, nicht selten aber auch auf unterschiedliche Lehrmeinungen zurückzuführen. Das gilt vor allem für die Theologen, die Professor Dr. Rauch in seiner Beschreibung der Professorengalerie als streitbare Männer bezeich­net, die den religiösen Kampf ausfochten zwischen der lutherischen Gießener und der reformiert gewordenen Marburger Universität. Religiöse Auseinandersetzungen hatten schon seit geraumer Zeit immer wieder neue Unruhen an der Universität ausgelöst, deren Einfluß auf den Werdegang Grolman’s nicht zu unterschätzen ist. Dies um so mehr als die heranwachsenden Juristen wie Grolman beide Rechte studierten, das weltliche und das kirchliche, von der Theologie mitbestimmte Recht. Während um 1700 der Pietismus Lehre und Lebensführung prägten und viele Studierende nach Gießen zog, änderte sich das nach 1738 mit der geänderten Haltung der nunmehr dozierenden Theologen, die den Pietismus schroff ablehnten und die "reine Lehre" das heißt, eine starre Ortho­doxie vertraten.

 

1762 verläßt der nunmehr zwanzigjährige Grolman seine Vaterstadt um sein Studium an der Univer­sität Göttingen fortzusetzen. Für den Wechsel der Universität mag es verschiedene Gründe gegeben haben, einmal die wohl nicht gerade als günstig zu bezeichnenden Verhältnisse an der Universität Gießen, zum anderen die Bedeutung Göttingens für die abschließenden Bildungsgänge des Jura­studiums. Vielleicht spielte es aber auch eine Rolle, daß Grolman nach dem Tode des Vaters die akademische Freiheit ohne familiäre und verwandtschaftliche Aufsicht genießen wollte. Vielleicht hatte auch der Wunsch, den damals wegen seiner besonderen Roheit berüchtigten studentischen Umgangsformen in Gießen zu entgehen, mitgespielt. Dafür könnte gerade die Wahl Göttingens sprechen, dessen Studenten man damals außergewöhnliche Feinheiten im Umgang nachsagte. Was auch immer die Gründe für den damaligen Ortswechsel gewesen sein mögen und welche Auswirkungen das Studium in Göttingen auch auf seine spätere Laufbahn gehabt haben mag, ent­scheidender für den späteren Lebensweg waren die ersten freimaurerischen Kontakte und die Begegnung mit Johann August Starck.

 

Als Grolman nach Göttingen kommt, hatte die im Mai 1747 gegründete Loge "Augusta zum goldenen Zirkel" bereits seit etwa 11 Jahren ihre Arbeiten eingestellt. Die bestehenden Studentenorden und Landsmannschaften scheinen für Grolman keine Anziehungskraft zu haben nach den ungünstigen Eindrücken, die diese Verbindungen in Gießen auf ihn gemacht hatten, vor allem aber wohl auch da die mehrfachen Untersuchungen 1762 zu einem strikten Verbot dieser Verbindungen geführt haben, was die Orden wie auch die Landsmannschaften veranlaßt im Untergrund zu arbeiten. Grolman wird Mitglied einer Winkelloge französischer Offiziere. So berichtet Wilhelm Keller in seiner 1859 erschie­nenen "Geschichte der Freimaurerei in Deutschland" S. 117. Er selbst bestätigt diesen Vorgang in einer Erklärung vom 6. März 1780, die im Original leider nicht mehr vorliegt, wohl aber im Auszug von der Hand des bekannten freimaurerischen Forschers Georg Kloss in seiner Maurerischen Bücher-Sammlung, Manuskript VII-843. Darin heißt es: "...Ich wenigstens habe in einer französischen Win­kelloge das ganze Tempelherren System und zwar das Clanivalische (?) gefunden und hätte selbsten Messe lesen können, wenn ich nicht Protestant gewesen wäre". Man wird wohl davon aus­gehen dürfen, daß es sich hier um die gleiche Loge gehandelt hat, in die auch Starck aufgenommen worden war. Starck studierte von 1760-1763 in Göttingen Theologie, Philosophie und Orientalistik. Über seine Aufnahme in die besagte Loge schreibt Gustav Krüger in seinem Aufsatz "Johann August Starck, der Kleriker": Man hatte ihn in eine jener Templerlogen nach Clermont-Rosaschem System aufgenommen, das 1758 durch einen gefangenen französischen Offizier nach Deutschland übertra­gen worden war. Krüger, ein profunder Kenner des Verhältnisses Starck zu Grolman, präzisiert diese Angabe in seiner 1931 veröffentlichten Arbeit "Johann August Starck und der Bund der Sieben" und kommt dabei bezüglich der Mitgliedschaft beider in ein und derselben Loge zu der gleichen Auffas­sung (S. 241): "Daß er (gemeint ist hier Starck) in Göttingen von dem Vicomte de Grave zu den ersten Stufen der Maurerei geführt sei, bestätigt nur, daß es sich um jene französische Offiziersloge gehandelt haben wird, in die etwa gleichzeitig auch der später mit ihm befreundete von Grolman auf­genommen wurde." Möglicherweise wurde Starck, der bereits zwei Jahr in Göttingen studierte, als Grolman die dortige Universität bezog, früher aufgenommen. Aber daß es sich nach allen Erkennt­nissen, die wir aus dieser Zeit haben, um die gleiche Loge gehandelt haben muß, daran kann nicht gezweifelt werden. Man wird daraus schlußfolgern können, daß Starck und Grolman sich bereits während ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zu jener Loge kennenlernten und daß in dieser Zeit der Grund ihrer späteren Freundschaft gelegt wurde.

 

Am 22. August 1764 wird Grolman in die Loge "Georg" zu Hannover in alle drei Grade aufgenom­men. Das heißt nach dem damaligen maurerischen Sprachgebrauch, daß er rektifiziert wurde. In Wanners "Geschichte der Loge zum weißen Pferd" (S. 49) wird er als Stud. juris bezeichnet, was im Hinblick auf das Fehlen einer Universität in Hannover und die Nähe Göttingens darauf schließen läßt, daß Grolman zu dieser Zeit noch in Göttingen studiert. Wie der Zufall so spielt, bekleidet zur Zeit der Aufnahme Grolman’s der Vater jenes Freimaurers das Amt des Stuhlmeisters, der später Grolman’s erbittertster Gegner werden sollte, Adolph Freiherr von Knigge. Knigges Vater, der Hofgerichtsasse­sor Dr. jur. Philipp Carl von Knigge, war von 1747-1759 bereits Meister vom Stuhl der anderen, der älteren hannöverschen Loge "Friedrich" gewesen und wird von dem Historiographen dieser Loge Wanner als unruhiger Geist charakterisiert. Daß Wanner außer der Aufnahme Johann Christian Schubart’s nur noch die des Ludwig Grolman registriert, läßt bei diesem Autor auf eine Wertschät­zung Grolman’s schließen, die Grolman nicht bei allen freimaurerischen Geschichtsschreibern gefun­den hat. Anzumerken wäre noch, daß die leicht mißzuverstehende Bemerkung Grolman’s in seiner Erklärung vom 6. März 1780, wonach er Unterlagen des Tempelherrensystems besessen und anno 1764 in der Loge zu Hannover dem damaligen Meister vom Stuhle, Geheimen Secretär Duve über­geben habe, nur so verstanden werden kann, daß Grolman mit "damaligen" richtiger "ehemaligen" Meister vom Stuhl sagen wollte. Duve war wohl seit der Konstituierung der Loge am 24. Mai 1762 deren Meister vom Stuhl, wurde aber 1763 von Knigge in diesem Amt abgelöst. Und es sei schließ­lich noch angemerkt, daß es sich bei der Aufnahme Grolman’s um die letzte Arbeit der Loge "Georg" handelt, die sich nunmehr mit der anderen, der älteren hannöverschen Loge "Friedrich" unter der Bezeichnung "Friedrich zum weißen Pferd" vereinigt.

 

Beruf

1767        als Darmstädischer Assessor abgeordnet zum Reichskammergericht Wetzlar

1769        Reg. Rat

1772        Vertreter Hess.-Darmst. in Wetzlar

1774        Vertreter von Hessen-Kassel

1775        Hess.-Kasselscher Legationsrat

1775                                     von Braunschweig-Kalenberg

1776        Geh. Leg. Rat des Fürstentums Hersfeld

1780        Direktor des Regierungs-Kollegs Kirchen- und Schulrat

1781        18.10. verpflichtet mit Reg. Rat Strecker Rat und Bürgerschaft von Wetzlar auf Ludwig X                 von Hessen

1803        Überführung (längere Zeit) des Herzogtums Westfalen (Grafschaft Arnsberg u.a. vorher bei           Kur Köln) an Hessen-Darmstadt in Arnsberg

1806        15. 2. - rückwirkend vom 15. 1. 1804 Wirkl. Geh. Rat

1803        18. 10. Reg. Direktor, Geh. Reg. Rat

1778        (Beginn d. Staatskalenders) Regierungs Mitgl. (StA Darmst.) Landkarten

 

Beruf und Familie

 

Grolman beendet 1764 sein Studium in Göttingen und absolviert in den nachfolgenden Jahren ein Praktikum beim Reichskammergericht in Wetzlar. Die Stadt beherbergt von 1693 bis 1806 das höch­ste deutsche Gericht und ist in dieser Zeit ein von den heranwachsenden Juristen äußerst begehrte Ausbildungsstätte. Dotzauer<!--[if !supportFootnotes]-->[4]<!--[endif]--> weist in diesem Zusammenhang auf die "enge laizistischem Ideengut" hin und nennt Wetzlar "ein Zentrum freimaurerischer Anregungen und Impulse, von dem Ansatzpunk­te für Logengründungen ausgegangen" seien. Es ist schwer auszumachen, wie weit Dotzauer’s Aus­sage auch auf die Praktikantenzeit Grolman’s zutrifft, da die 1764 gegründete Loge "Wilhelm zu den drei Helmen" ihre Arbeiten eingestellt hat und erst am 2. Oktober 1767 wieder unter dem Namen "Joseph zu den drei Helmen" reaktiviert wird. Man wird aber auch für den Zeitraum 1764-1767 von freimaurerischen Aktivitäten am Ort ausgehen können, da zahlreiche von Jena, Halle und anderen Universitäten kommende Juristen bereits als Freimaurer nach Wetzlar kommen. Mit Sicherheit su­chen die alleinstehenden Praktikanten ihren studentischen Gewohnheiten folgend gesellschaftlichen Anschluß bei Gleichgesinnten. Für diese Annahme spricht auch der Hinweis in den "Annalen der Loge zur Einigkeit"<!--[if !supportFootnotes]-->[5]<!--[endif]--> S. 69: Die Zahl der hohen Ordensbrüder (Loge zu den drei Disteln!) von Verle­gung des Capitels von Mainz nach Frankfurt vom 16. Februar 1767 bis zum 20. April 1772 bestand aus 29 Brüdern... Diese Brüder wohnten zu Mainz, Frankfurt, Wetzlar, und Hanau".

 

Grolman selbst gibt in seiner voraufgegangenen bereits zitierten Erklärung vom 6. März 1780 an, in Wetzlar ein zweites Mal rektifiziert worden zu sein, ohne den genauen Zeitpunkt anzugeben. Da er von Rektifizierung schreibt, ergibt dieser Hinweis nur dann einen rechten Sinn, wenn dieser Akt nach dem Anschluß der Loge "Joseph zu den drei Helmen" an die Strikte Observanz, das heißt nach der Reaktivierung vom 2. Oktober 1767 erfolgt ist. Die Reaktivierung der Loge geht von der Loge "Zu den drei Disteln" in Frankfurt aus. Beide gehören der VII. Provinz Ritterfelde der Strikten Observanz an.

 

Im gleichen Jahr, nämlich 1767, wird Grolman zum landgräflich hessen-darmstädtischen Assessor in Gießen berufen, von dort aber zum Reichskammergericht in Wetzlar abgeordnet. Die Anstellung macht den nunmehr Fünfundzwanzigjährigen von den mütterlichen Geldzuweisungen unabhängig und erlaubt ihm noch im selben Jahr eine Familie zu gründen. Seit geraumer Zeit hatte er - wie auch sein Vetter Georg in Cleve - eine lebhafte Zuneigung zu deren in Bochum wohnenden Cousine Luise erkennen lassen. Ihre Beziehung hatte sich nach der Beerdigung von Luisens Großmutter, einer geborenen Mollenbeck, am 27. Januar 1766 in Gießen rasch vertieft. In den nachfolgenden Monaten häuften sich in auffallender Weise die Besuche der Bochumer Familie in Gießen. Dies läßt sich recht genau anhand des Gießener Anzeigers verfolgen, der in fast jeder Ausgabe der Jahre 1766 und 1767 Besuche aus Bochum registriert. Die zahlreichen Besuche bringen nicht nur die Liebenden einander näher, sie geben ihnen und ihren Familien auch ausreichende Gelegenheit den Heiratsvertrag aus­zuhandeln und in allen Punkten einverständlich festzulegen. Schließlich sind diese und alle anderen Vorbereitungen soweit gediehen, daß am 1. September 1767 der Heiratsvertrag unterzeichnet und die Verlobung in Gießen gefeiert werden kann.

 

Bereits sechs Wochen später, am 11. Oktober, wird die Hochzeit gefeiert. Die Ehe scheint, obwohl im Trauregister der Stadtkirche zu Gießen eingetragen, in Rodheim, etwa zwei Wegstunden von Gießen entfernt, geschlossen worden zu sein. Denn einmal sind im Gießener Trauregister, entgegen dem damaligen Brauch keine Trauzeugen aufgeführt und zum anderen deutet eine Eintragung von Luisens Vater in der erhalten gebliebenen Familienbibel auf Rodheim hin: "1767 - d. 11. Okt. ist meine Tochter Luise, mit meines jüngsten Bruders weyland hessen-darmstädtischen Consistorial-Raths Johann Dethmar einzigem Sohn Ludwig Adolf Grolman Regierungsassessor in Rodheim von dem dasigen Prediger Herrn Mallinkrodt<!--[if !supportFootnotes]-->[6]<!--[endif]--> in Gegenwart der dortigen geehrten Familie Herr und Frau Zivil-Kantzler Hartenstein und Frau Regierungs-Räthin Ileert ehelich eingesegnet".

 

Sehr pünktlich stellt sich der Nachwuchs ein. Am 3. Juni 1768 wird Ludwig Adolf Theodor Dethmar Julius in Bochum geboren - nicht wie im Gotha 1. Jg. 1907 S. 231 vermerkt in Gießen! - Der stolze Großvater schreibt in die Familienbibel: "1768 - d. 3. Juni ist meine älteste Tochter von einem jungen Sohn frühmorgens zwischen 4 und 5 Uhr glücklich entbunden, der am 3. dito nachmittags von dem hiesigen Pastoren und Inspectoren Hr. Bordelius getaufet und demselben die Namen Adolf Ludwig Theodor Dethmar beigelegt worden". Diese Eintragung stimmt mit dem dortigen Kirchenregister überein. Die Freude an dem kleinen Söhnchen währt kaum länger als ein halbes Jahr. Am 26. Janu­ar 1769 trägt der Großvater in die Bibel ein: "... ist per Post die Nachricht von meinem Schwiegersohn dem Regierungsassessor unerwartet eingekommen, daß dieses liebe Kind den 21. d. M. morgens gegen 7 Uhr nach ausgestandener kaum 2 mal 24 stündiger Krankheit von versteckten Masern und Zahnwechselfieber gestorben und den 22. dito nach der Predigt den Gebeinen seines Großvaters beigesetzt sei, nachdem es sein junges Lebens auf 7 Monate 19 Tage und 3 Stunden gebracht".

 

Am 7. Oktober 1769 - so steht es in der Familienbibel - "ist meine Tochter in Gießen in höchst beschwerlichen Umständen abermals von einem jungen Söhnlein glücklich entbunden, so desselben Tages getaufet". Aber das Verzeichnis der bey der Stadtkirche zu Gießen Verstorbenen und Beerdig­ten im Jahr 1769 meldet bereits am "8ten Oktober Carl Ludwig, Herrn Ludwig Adolph Christian Grollmanns, Hochfürstlichen Hessen Darmstädtischem Regierungs-Raths allhier, und dessen Frau Gemahlin, Frau Louysa Christiana Theodora Susanna Maria Sophia, geborener Grollmännin, Söhnlein seines Alters 1 Tag ist an einem Fluß gestorben".

 

Aus den Eintragungen dieser beiden Geburts- und Sterbefälle geht hervor, daß Grolman in der Zeit zwischen dem 22. Januar und dem 6. Oktober 1769 zum Regierungsrat ernannt wurde. Das genaue Datum läßt sich heute nicht mehr ermitteln.

 

Hier enden die Aufzeichnungen über Beruf und Familie, weitere Unterlagen befinden sich bei Herrn Keiler oder Herrn Prof. Dr. Reinalter

 

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L. A. C. von Grolman in der freimaurerischen Literatur.

Die in Lennings Encyklopädie der Freimaurerei<!--[if !supportFootnotes]-->[7]<!--[endif]--> über den, hessischen Wirklichen Geheimrath und Regierungsdirektor zu Gießen Ludwig Adolf Christian von Grolman registrierten Aussagen lassen denselben als einen etwas eigenwilligen, ja schwierigen Charakter erscheinen. Sein Persönlich­keitsbild zeigt leicht negative Akzente, die in der späteren Literatur aufgegriffenen und teils verschärft weitergegeben werden. Für eine vorurteilsfreie Beurteilung der Absichten, des Verhaltens und der Wirkungen Grolman’s, der innerhalb der geistigen und politischen Strömungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle spielte und den man wohl als eine der Schlüsselfiguren in den freimaurerischen Umbrüchen seiner Zeit bezeichnen kann, ist eine neue unbefangene Unter­suchung der Fakten und Wertung der Zusammenhänge von Nöten. Dabei ist auch der Frage nach­zugehen, wie das vorgegebene wenig günstige Bild Grolman’s entstehen und sich bis in unsere Tage halten konnte.

 

Zum Verständnis des letzteren ist wichtig zu wissen, daß die Auseinandersetzungen, in die Grolman verwickelt war, durchweg mit literarischen Waffen ausgetragen wurden und das Pamphlete, derer sich beide Seiten bedienten, wie alle Druckwerke ein langes und zähes Leben haben. Es liegt in der Eigenart des Pamphlets, das verleumdet, denunziert und anklagt, daß es destruktiver Natur ist und negative Spuren hinterläßt. Seine Verwendung, meist anonym, gerade auch in Gebildetenkreisen, war nicht ungewöhnlich; es war das typische Medium einer intriganten und verworrenen Zeit. Unsere heutige Einstellung zum Pamphlet ist ein völlig unbrauchbarer Maßstab für die damalige Zeit.

 

Hierin liegt auch die Schwierigkeit, die in den uns vorliegenden Pamphleten enthaltenen Äußerungen richtig einzuschätzen und zu glaubhaften Schlüssen zu kommen. Unter diesen Umständen ist ein äußerst kritisches Studium dieser Schriften unter Einbeziehung anderer erreichbarer Dokumente und einer genauen Analyse des geistigen Umfeldes des jeweiligen Verfassers und seiner Glaubwürdig­keit unumgänglich.

 

Bleiben wir zunächst bei Lenning und beleuchten die hier mehr oder weniger versteckten Vorwürfe gegen Grolman, wobei zunächst einmal darauf hinzuweisen ist, daß Lenning sich in seiner Encyklopädie weitgehend auf den zweifelsfrei sehr verdienstvollen Archivaliensammler und Historiographen Kloß stützt. Das scheint offensichtlich auch im Falle Grolman so gewesen zu sein. Nun mußte ich feststellen, was später noch zu belegen sein wird, daß der als so gewissenhaft geltende Kloß bei der Abschrift Grolman’scher Briefe nicht immer ganz korrekt verfahren ist und daß eingestreute Anmer­kungen eine Parteinahme gegen Grolman unschwer erkennen lassen. Der Grund dieser Voreinge­nommenheit bei Kloß wird in seiner Herkunft aus der Frankfurter Freimaurerei zu suchen sein, die mit Grolman ihre besonderen Probleme hatte, auf die auch noch später zurückzukommen ist.

 

Aufschlußreich erscheint mir, daß unmittelbar nach der Mitteilung, er sei "Meister vom Stuhl der in Gießen errichteten Loge Ludwig zu den drei goldenen Löwen" gewesen, der Hinweis auf seine Freundschaft mit Starck folgt. Mit der Plazierung gleich an den Anfang der Notiz erhält der Hinweis auf die Freundschaft mit Starck sein besonderes Gewicht und wird gleichsam zum bestimmenden Vorzeichen für die nachfolgenden Eintragungen. Hier wird Grolman abgestempelt, katalogisiert und als "vertrauter Freund" des umstrittenen Starck in das diffuse Licht gerückt, mit dem seine Gegner und die freimaurerische Geschichtsschreibung jenen stets umgeben haben. Dieser Eindruck wird in der 3. Ausgabe von 1900 durch die Voransetzung einiger freimaurerischer Daten aus dem Leben Grolman’s gemildert.

 

Dann wird festgestellt, daß er "ein entschiedener Gegner aller freisinnigen Bewegungen" gewesen sei. Dem ist zuzustimmen, sofern man freisinnig nicht als fortschrittlich interpretiert, sondern als gegen bestehende Ordnungen gerichtete Strömungen. Grolman’s Eintreten für diese Ordnungen beweist doch eigentlich nichts anderes als daß er seinen beim Eintritt in die Loge abgelegten Eid ernster und wörtlicher genommen hat, als manche seiner Gegner, die ihre Überzeugungen den jeweiligen Trends sehr eilfertig anzupassen wußten. Seine Kritiker von damals und von heute ignorie­ren zudem ein ganz wesentliches Moment: Daß Grolman als Regierungs- und Konsistorialdirektor Repräsentant der bestehenden staatlichen und kirchlichen Ordnungen in Darmstädtisch-Oberhessen war und als solcher verpflichtet diese Einrichtungen vor Angriffen jeder Art zu schützen. Sie verket­zern seine Pflichttreue. Die Bemerkung, daß die Gießener Loge den Eklektischen Bund gegen den Willen Grolman’s beigetreten sei, bedarf einer eingehenderen Erörterung und wird an anderer Stelle dieser Schrift behandelt.

 

Wie eine offene Anklage klingt es denn, wenn es bei Lenning heißt: "Überall witterte er, der selbst mit den verschiedenen Geheimbündnissen sich eingelassen, Verräther der von ihm  vertretenen Sache..." Welchen Bündnissen oder Verbindungen war Grolman denn im Laufe seines Lebens beigetreten?  Als 22jähriger Student er 1763 Mitglied einer Winkelloge französischer Offiziere in Göt­tingen, zu einer Zeit, in der die reguläre Loge "Augusta zum goldenen Zirkel" ihre Arbeit bereits 10 Jahre eingestellt hatte. Im darauffolgenden Jahr, am 22. 8. 1764 läßt er sich in der Loge "Georg" zu Hannover rektifizieren und gehört nach Abschluß seiner Studien der Loge "Wilhelm zu den drei Hel­men" in Wetzlar an, bis er mit deren Hilfe 1778 die Loge "Ludwig zu den drei goldenen Löwen" in Gießen gründet. Grolman arbeitet auch weiterhin in der Wetzlarer Loge, vor allem in den Hochgraden mit und hat von dort rege freimaurerischen Kontakte nach Frankfurt. In Göttingen lernte er das Rasai­sche Templersystem, in Hannover das englische und in Wetzlar das der Strikten Observanz kennen, nach dem auch die Loge in Gießen arbeitete. Es ist dies der typische Weg eines Freimaurers in jener Zeit, wie ihn so oder in ähnlicher Weise die meisten Freimaurer gegangen sind, ohne daß diesen ihre zeitbedingten Wanderungen durch die verschiedenen Systeme je zum Vorwurf gemacht wurden. Es ist daher unverständlich, warum man gerade ihm Geheimbündelei unterstellen will und in diesem Zusammenhang und in Abänderung des Textes von 1863<!--[if !supportFootnotes]-->[8]<!--[endif]--> in der Ausgabe von 1900 schreibt: "Er trat der strikten Observanz und dem Illuminatenorden bei". Hier wird die Strikte Observanz mit dem Illuminatenorden in ein und denselben geheimbündlerischen Topf geworfen, ein Unterfangen, daß darauf schließen läßt, daß Grolman außer seiner vorübergehenden Zugehörigkeit zum Illumina­tenorden keine weiteren Mitgliedschaften in Geheimbünden angelastet werden konnten. Es muß dann um so mehr verwundern, wenn Grolman’s Vorgehen gegen den als geheimbündlerisch apostro­phierten Illuminatenorden als Verrat, Denunziantentum und Anschwärzerei verunglimpft wird.

 

Die nachfolgende Behauptung, die Schließung der Loge in Gießen sei darauf zurückzuführen, daß Grolman "überall Verräter gewittert" habe<!--[if !supportFootnotes]-->[9]<!--[endif]-->, hält einer Untersuchung der Umstände, die zur Schlie­ßung führten, nicht stand. Der Grolman hier in eindeutiger Weise gemachte Vorwurf, für die Schlie­ßung der Loge verantwortlich zu sein, relativiert sich, wenn man in der Ausgabe von 1863 liest, daß die Loge "ohnehin schon anonym gearbeitet hatte". Es fragt sich, ob dieser Zusatz, der doch wohl so zu verstehen ist, daß die Loge seit einiger Zeit im Stillen und nur noch gelegentlich arbeitete, wegge­lassen wurde, um die mit der Schließung zusammenhängenden Vorgänge in tieferes Dunkel zu hül­len. Dieser Eindruck verdichtet sich, wenn man die Logenschließung einmal nicht aus der verengten lokalen Perspektive betrachtet, sondern sie vor den Hintergrund der damaligen Entwicklungen inner­halb der gesamten deutschen Freimaurerei stellt. Es zeigt sich, daß es sich bei dem Vorgang in Gießen nicht um einen Einzel- oder Sonderfall handelt. Wer sich der Mühe unterzieht den "Geppert"<!--[if !supportFootnotes]-->[10]<!--[endif]--> daraufhin einmal durchzustudieren, wird feststellen müssen, daß es in den letzten Dezennien des 18. Jahrhunderts nur wenige Logen gegeben hat, die ihre Arbeiten nicht für kürzere oder längere Zeit, wenn nicht ganz eingestellt haben. Das trifft auch auf alle Gießen benachbarten Logen zu.

 

Faßt man zusammen, werden folgende Vorwürfe erhoben, die anhand aller heute noch erreichbaren Unterlagen zu untersuchen das Anliegen dieser Schrift ist:

                Die Verbindung zu dem "anrüchigen" Starck,

                Geheimbündelei und in Verbindung damit Verrat und Verleumdung,

                gegen die Loge und die Freimaurerei gerichtete Machenschaften.

In den abschließenden Literaturhinweisen werden seine Hauptgegner Knigge und Greineisen genannt, die Grolman in ihren Schriften als üblen Reaktionär, Rechtsbeuger und Obskuranten diffamieren.

 

Was stimmt an diesen Vorwürfen, wer war dieser Grolman?
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Der Fall Greineisen

 

Die vorstehende, im Obscuranten-Allmanach auf das Jahr 1798 veröffentlichte Abbildung zeigt die Verhaftung des Dr. Greineisen durch den Regierungsdirektor von Grolman, der in der Bildunterschrift als "Richter und Scherge in einem Prozeß" bezeichnet wird. Der dieser Festnahme folgende Prozeß wurde von Grolman’s Gegnern als ein Unrechtsverfahren diffamiert und publizistisch in einer Weise hochgespielt, die weder durch die Bedeutung des Prozesses noch durch die in ihm praktizierte Verfahrensweise gerechtfertigt erscheint.

 

Die von dem Beklagten nach seiner Freilassung veröffentlichte Schrift "Eine Geschichte politischer Verketzerungssucht in Deutschland im letzten Jahrzehnt des 18ten Jahrhunderts" erweist sich bei näherem Hinsehen nur vordergründig als Verteidigungsschrift. Es geht ganz offenkundig weniger um den eigentlichen Prozeßgegenstand als vielmehr um einen massiven Angriff auf Grolman und eine versteckte Anprangerung der politischen und sozialen Verhältnisse in Hessen-Darmstadt. Letzteres kündigt sich schon in dem Untertitel " Ein Beitrag zur Geschichte des Aristrokatismus in den Hessen-Darmstädtischen Landen, und der dasigen Obscuranten" an und das Erste in dem zweiten Untertitel "Nebst einigen Aufschlüssen über die ehemalige Verbindung des Regierungsdirektors von Grolman zu Gießen mit dem Illuminatenorden".

 

Man fragt sich, was dieser Beitrag über Grolman’s Mitgliedschaft im Illuminatenorden mit dem Prozeß gemeinsam hat. Dem Sachkundigen wird beim Studium dieses Beitrages sehr schnell klar, daß niemand andere als Grolman’s aktivster Gegner, der Freiherr von Knigge, der Verfasser gewesen sein kann. (Aus dieser Autorenschaft dürfte auch Knigges Mitarbeit bei der Abfassung der gesamten Schrift herzuleiten sein). In Knigge  darf darüber hinaus mit Sicherheit wohl auch der Initiator dieser Veröffentlichung zu suchen sein. Diese Vermutung stützt sich nicht zuletzt auf den Umstand, daß seinem ganzen Persönlichkeitsbild nach, wie auch seiner unzureichenden Mittel und Verbindungen wegen Greineisen als Finanzier und Herausgeber der Schrift kaum denkbar ist.

 

Die Schrift entpuppt sich bei einer eingehenderen Analyse als eine Sammlung von Verdächtigungen, Verleumdungen, Scheinbeweisen und konstruierten Behauptungen, die einer Untersuchung nicht standzuhalten vermögen. Zu der anfechtbaren Argumentation gesellt sich eine nebelhafte Anonymi­tät, die die vorgebrachten Fakten um so unglaubhafter erscheinen lassen. Greineisen begründet diese für einen Juristen unmögliche Handhabung ganz naiv damit, daß "man diesen Satelliten der schwär­zesten Bosheit, hier zuviel Ehre erweisen würde, sie zu benennen; man will also die Feder, mit der Schilderung ihrer Charakter, nicht besudeln". <!--[if !supportFootnotes]-->[11]<!--[endif]--> Auf solche und ähnliche "Begründungen" stößt der Leser bei der Lektüre der Schrift noch häufig. Der Verfasser disqualifiziert sich ferner durch den hemmungslosen Gebrauch von Injurien gegenüber Grolman und seine Mitarbeiter. In der nachfol­genden Auswahl ist die jeweilige Seite in Klammern vermerkt: Spitze der Delatoren (IX), Pinselritter (XII), ächter Jesuit (XII), Geiz und Habsucht, unwissender Mensch (XIV), ungesetzliche Handlungen (XXII), eigennütziger, unmoralischer Charakter (XXIII), Diebstahl an seinen armen Mitbürgern (XXVII), Großinquisitor (XXV), Anführer der Obscuranten (XXVII), schändlicher Lügner (XXX). Während die vorstehenden Beleidigungen an die Adresse Grolman’s gerichtet sind, betitelt Greineisen dessen Mit­arbeiter und Freunde als: Cohorte von Lästern, die die Würde des Menschen, des Christen, und wie­viel mehr - des ächten Patrioten entehren (XXV), Delatoren (XXV), boshafte Staatsdiener (XXVI), po­litische Ketzermacher (XXVI), Obscuranten (XXVII) usw. Diese Aufzählung ließe sich noch über etliche Seiten ausdehnen, die angeführten Beispiele dürften den Menschen Greineisen, respektive den Verfasser, jedoch hinreichend charakterisieren.

 

Wie aber sieht Greineisen sich selbst? Aus der Beschimpfung seiner vermeintlichen Feinde ist unschwer zu folgern, daß er sich selbst als den zu unrecht verfolgten "ruhigen und friedlichen Bürger sieht, der nie jemanden mit Vorsatz beleidigt, dessen Seele nie den Gedanken nährte zu schaden, hingegen in aller Stille nach Kräften zum allgemeinen Wohle wirkte<!--[if !supportFootnotes]-->[12]<!--[endif]-->".

 

Eine solche Selbstdarstellung wird nicht überraschen. Sie ist ebenso nichtssagend wie bedeutungs­los bei dem Versuch das Persönlichkeitsbild Greineisens aus dem gegen ihn gerichteten Verfahren herauszukristallisieren. Aufschlußreicher sind seine Ausführungen da, wo er sich als einen "gänzlich mißkannten Menschen" schildert, "dessen einziges Bestreben es war, sein Dasein so zu verleben, wie er es vor seinem Gewissen, dem höchsten und unbestechlichsten Richter, sich zu verantworten getraute, der ein von den übrigen Menschen abgesondertes Leben führt, der um so mehr gehaßt und verfolgt wird, je weniger er sich um das Tun und Lassen anderer kümmert. Selbst seine unschuldig­sten Handlungen suche man in Schatten zu setzen. Ohne Ursache würden er und seinesgleichen verachtete und verfolgt und in das äußerste Verderben gestürzt<!--[if !supportFootnotes]-->[13]<!--[endif]-->".

 

Würde man diese autistischen Äußerung nicht als Ausflüchte eines in die Enge getriebenen oder eines möglicherweise verwirrten Geistes werten wollen, so müßte man sie im Hinblick auf Greinei­sens beständige Attacken gegen Grolman als unverschämte Lüge brandmarken.

 

Den obigen misanthrophischen Auslassungen folgen Sätze, die den Verfasser als Versager enthül­len: "Dies schon für sie traurige Los wird öfters noch mehr dadurch verbittert, daß ihnen alle ihre Unternehmungen zu ihrem ehrlichen Fortkommen mißglücken; daß alles unter ihren Händen zu einem sodomitischen Apfel wird, der zur Asche zerfällt. Kommt nun noch ein Heer von Krankheiten hinzu, die den Körper schwächen und den Geist ermatten; so scheint ihnen die Welt eine Mörder­grube, und die ganze Schöpfung zeigt sich ihnen im traurigen Gewand. Einsam und verlassen stehen sie da - von allen, wenn man wenige Edle ausnimmt, mißkannt".<!--[if !supportFootnotes]-->[14]<!--[endif]--> Er fährt dann wenige Sätze weiter fort: "Seit meinem hiesigen Aufenthalt, wie von jeher, war dabey mein eifriges Mühen, mir eine angemessene Unterkunft zu verschaffen; aber ein glücklicher Erfolg entsprach demselben nicht. Auch allhier wurde mir eine Aussicht, die sich mir in ein auswärtiges Land darboth, und die Verwal­tung eines Archives betraf, durch die Tücke meiner Feinde vereitelt. Das Schicksal selbst war mein Widersacher". <!--[if !supportFootnotes]-->[15]<!--[endif]--> Und später: "Nicht (leider hören hier die Aufzeichnungen von Herrn Hubbertz auf bzw. sind ihm vielleicht abhanden gekommen.) Fortsetzung müßte sich bei Herrn Keiler oder Herrn Prof. Reinalter befinden.

 

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Der Freimaurer Ludwig Adolf Christian von Grolman

 

(Vortrag vor der Loge in Emmerich)

 

Bei meiner Arbeit an der Geschichte meiner Loge PAX INIMICA MALIS in Emmerich, stieß ich auf eine Notiz, wonach der Oberst a. D. Ludwig von Grolman der Loge "Ludwig zur Treue" in Gießen zu deren 150. Stiftungsfest ein Bijou der emmericher Loge überreicht hatte, das sein Ururgroßvater Ludwig Adolf Christian von Grolman getragen haben soll.

 

Meine Reaktion auf diesen Hinweis war zum einen die noch am gleichen Tag begonnene Fahndung nach diesem Bijou, zum anderen versuchte ich in Erfahrung zu bringen, wer dieser von Grolman war und welcher Art seine Beziehung zur Emmerricher Loge.

 

Meine Suche nach dem Bijou war in so weit erfolgreich, als die Loge in Gießen mir nach einigen Verhandlungen das vermeintlich der emmericher Loge zuzuordnende Bijou in großzügiger Weise überließ. Allerdings stellte sich dann Monate später heraus, daß das sehr schöne Bijou nicht das Zeichen meiner Loge sondern das der Loge "Zum Tempel der Eintracht" in Posen war.

 

Zwischenzeitlich hatte ich mit meinen Nachforschungen über Grolman begonnen und war dabei in Lennings Allgemeinem Handbuch der Freimaurerei auf eine Charakterisierung dieses Mannes gestoßen, die mich anregte, mich eingehender mit dessen Vita zu beschäftigen. In der Ausgabe des Handbuches von 1863 wird er folgendermaßen vorgestellt:

 

"Grolman, Ludwig Adolf Christian von, zuletzt hessischer Wirklicher Geheimrat und Regierungsdirek­tor zu Gießen, geb. 1742 - was nicht stimmt, es muß 1741 heißen - und gestorben am 25. Dezember 1809; war Meister vom Stuhl der in Gießen errichteten Loge "Ludwig zu den drey goldenen Löwen", ein vertrauter Freund Starcks und ein entschiedener Gegner aller freisinnigen Bewegungen. Daß die Gießener Loge dem eklektischen Bund beitrat, trotz den von Starck versprochenen geheimen Kennt­nissen, wenn sie ihm folgen und eine Loge in seinem Sinne einrichten wolle, geschah gegen Grolman’s Willen, der sich auch an den Feierlichkeiten 1789 in Frankfurt, obschon besonders einge­laden, nicht beteiligte. Überall witterte er, der selbst mit verschiedenen Geheimbündnissen sich ein­gelassen, Verräter der von ihm vertretenen Sache, was den Untergang der Loge, die ohnehin schon anonym gearbeitet hatte, herbeiführte. In der Strikten Observanz hatte er den Namen Eques a Concro rubro, nach einer anderen Liste a Cancro aureo und war Dekan des Kapitels Ritterfelde, das ist Frankfurt. Im Illuminatenorden hieß er Gratianus, war jedoch später einer von denjenigen, welche die Illuminaten am eifrigsten als Staatsverbrecher denunzierte. Er ist wahrscheinlich der Herausgeber von "Die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo im Illuminatenorden". - Die im Handbuch ange­führten bibliographischen Nummern der einzelnen Werke bei Kloss spare ich in der folgenden Auf­stellung aus. - "Eine Rede über den Illuminatenorden, gehalten in einer Freimaurerloge im Dezember 1793" zuerst abgedruckt im Magazin für Kunst, und "Endliches Schicksal des Freimaurerordens, in einer Schlußrede gesprochen von Br.+++ vormals Redner der Loge zu +++ am Tage ihrer Auflö­sung", in welcher er die Philalethen und Illuminaten, besonders aber Bode als die Schöpfer der fran­zösischen Revolution denunzierte. Gegen ihn schrieb Knigge in dem Anhang zu Greineisens 1796 erschienen Schrift "Eine Geschichte politischer Verketzerungssucht". Es wird dann noch auf seinen Schriftwechsel mit Starck hingewiesen, wonach er auch Herausgeber des in sechs Bänden erschie­nen Journals (1795-98) "Eudämonia oder deutsches Volksglück" gewesen sei"

 

Soweit Lennings Handbuch der Freimaurerei.

 

Nach und nach verschaffte ich mir die angeführten Schriften, recherchierte im Archiv der Gießener Universität, denen der Logen in Gießen und Wetzlar, dem Hauptstaatsarchiv Darmstadt, in den Haag, Bayreuth, Kleve und auf dem Korrespondenzwege in zahlreichen weiteren Städten. Freifrau von Erffa gab mir die Gelegenheit das Grolman’sche Familienarchiv einer genauen Durchsicht zu unterziehen. Die Resultate meiner Nachforschungen füllen inzwischen drei Archivkartons, ebenso viele Aktenord­ner und ergeben eine etwa 60 Titel umfassende Spezialbibliothek (diese Unterlagen, die zu 25 % von Herrn Am- und Archivar Helmut Keiler aus Wettenberg stammen, wurden von diesem für DM 5.000,00 gekauft und befinden sich im Historischen Institut der Universität in Innsbruck, Sie sind an den Doktoranden Dr. jur. Orgler zur Einsicht übergeben worden. Ansprechpartner ist Prof. Dr. Helmut Reinalter, 6020 Innsbruck, Reichenauer Str. 8.)

 

Aber kommen wir nun zum Thema!

 

Ludwig Adolf Christian von Grolman entstammt einem bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgendem Geschlecht, dem das in Huckarde bei Wattenscheid gelegene Lehnsgut "Zum Grole" übertragen wird. Die Angehörigen des Geschlechtes finden wir später in kurbrandenburgischen, preußischen und hessen-darmstädtischen Diensten vor.

 

Ludwig Adolf Christian wird am 5. Dezember 1741 in Gießen lutherisch getauft, wo sein Vater das Amt eines Konsistorialrates bekleidet. Als Geburtshaus wird man das in der Sonnenstraße gelegene Stadthaus der Familie anzusehen haben, das später unter der Bezeichnung "Gesellschaftshaus" oder auch "Club" Treffpunkt der Gießener Oberschicht wird.

 

Ludwig erhält, wie es für Kinder seines sozialen Standes damals üblich ist, den Elementarunterricht durch einen Hauslehrer vermittelt. Mit 11 Jahren wird er Schüler des seinem Elternhaus benachbar­ten Pädagogiums. Die vier Jahre Pädagogiumszeit prägen den Heranwachsenden in so entschei­dender Weise, daß man in seinem ferneren Lebenslauf immer wieder Züge seines Pädagogiarchen Johann Hermann Benner zu entdecken glaubt. Ostern 1756 wird der Vierzehnjährige zusammen mit seinem Vetter Helferich Mollenbeck konfirmiert. Damit endet die umhütete Kindheit des jungen Ludwig, der wie seine Mitschüler voller Ungeduld dem so verlockend erscheinenden Studentenleben entgegenfiebert.

 

Am 17. Oktober 1757 trägt sich der Fünfzehnjährige in die Matrikel der Academica Ludoviciana, der heutigen Justus-Liebig-Universität, seiner Vaterstadt ein. Über seinen Studienweg liegen keinerlei Unterlagen mehr vor, doch wird man in dem Juristen Karthold Grolman’s ersten und wohl auch wich­tigsten Hochschullehrer zu sehen haben. Im Sommersemester 1758 dürfte sich diesem Professor Thom zugesellt haben, der in diesem Semester sein erstes Kolleg über ökonomische Polizei- und Kameralwissenschaft hält. Die Besetzung der Stadt durch die Franzosen, doch auch die anhaltenden Reibereien unter den Professoren, namentlich den Theologen, sowie die ständigen studentischen Umtriebe beeinträchtigen den Lehrbetrieb nachhaltig. 1762 setzt Ludwig seine Studien an der Göttinger Universität fort.

 

Der Wechsel der Universität wird für Grolman nicht nur in beruflicher Hinsicht von Bedeutung, ent­scheidend für seinen ferneren Lebensweg sind seine hier geknüpften ersten freimaurerischen Kon­takte, ist die Begegnung mit Johann August Starck.

 

Als Grolman nach Göttingen kommt, hat die im Mai 1747 gegründete Loge "Augusta zum goldenen Zirkel" ihre Arbeit bereits seit 11 Jahren eingestellt. Die bestehenden Studentenorden und Lands­mannschaften scheinen nach den ungünstigen Einrücken, die diese Verbindungen in Gießen auf ihn gemacht haben, keine Anziehungskraft auf ihn auszuüben, zumal sie eines bestehenden Verbotes wegen im Untergrund arbeiten.

 

Grolman wird hier Mitglied in einer Winkelloge französischer Offiziere. Diesen Vorgang beschreibt er selbst in einer nicht mehr vorliegenden, von Kloss aber abschriftlich überlieferten Erklärung vom 6. März 1780. Man wird mit großer Sicherheit davon ausgehen dürfen, daß es sich bei dieser Loge um die gleiche handelt, in die zuvor auch Starck aufgenommen wurde. Starck studiert zwischen 1760 und 1763 in Göttingen Theologie, Philosophie und Orientalistik. Über seine Aufnahme in die besagte Loge schreibt Gustav Krüger in seinem Aufsatz "Johann August Starck der Kleriker": "Man hatte ihn in eine jener Templerlogen nach Clermont-Rosaschem System aufgenommen, das 1758 durch einen gefangenen französischen Offizier nach Deutschland übertragen worden war". Krüger präzisiert Starcks Logenzugehörigkeit in seinem Aufsatz "Johann August Starck und der Bund der Sieben" mit den Worten: Daß Starck in Göttingen von dem Vicomte de Grave zu den ersten Stufen der Maurerei geführt sei, bestätigt nur, daß es sich um jene französische Offiziersloge gehandelt haben wird, in die etwa gleichzeitig auch der später mit ihm befreundete von Grolman aufgenommen wurde". Aus der gemeinsamen Zugehörigkeit wird man schlußfolgern können, daß beider Freundschaft bereits in die­ser Zeit begründet und befestigt wurde. Von daher erscheint ihre Beziehung in einem völlig anderen Licht als in dem jenes konspirativen Zweckbündnisses, das ihre Gegner ihrer Verbindung von vorn­herein unterstellen.

 

Am 22. August 1764 wird Grolman in einer letzten Arbeit der Loge "Georg" zu Hannover in alle drei Grade erneut aufgenommen, die sich im Anschluß an diese Arbeit mit der Loge "Friedrich" zur Loge "Friedrich zum weißen Pferd" vereinigt.

 

Grolman beendet 1764 sein Studium in Göttingen und absolviert in den nachfolgenden Jahren ein Praktikum beim Reichskammergericht in Wetzlar. Die Stadt beherbergt von 1693 bis 1806 das höch­ste deutsche Gericht und ist in dieser Zeit ein von den heranwachsenden Juristen äußerst begehrter Ausbildungsplatz. Professor Dotzauer weist in diesem Zusammenhang auf die enge Verbindung von Juristenstand und aufklärerischem, liberalisistischem Ideengut hin und nennt Wetzlar ein Zentrum freimaurerischer Anregungen und Impulse, von dem Ansatzpunkte und Gründungsversuche der Strik­ten Observanz ausgegangen seien. Es ist schwer auszumachen, wie weit Dotzauer’s Aussage auch auf die Praktikantenzeit Grolman’s zutrifft, da die 1764 gegründete Loge "Wilhelm zu den drei Hel­men" ihre Arbeiten eingestellt hat und erst am 2. Oktober 1767 wieder unter dem Namen "Joseph zu den drei Helmen" reaktiviert wird. Jedenfalls gibt Grolman in seiner bereits zitierten Erklärung an, in Wetzlar ein zweites Mal rektifiziert worden zu sein. Dieser Hinweis ergibt nur dann einen rechten Sinn, wenn seine erneute Rektifizierung vom 2. Oktober 1767 erfolgte.

 

Im gleichen Jahr wird Grolman zum landgräflich hessen-darmstädtischen Assessor in Gießen beru­fen, von dort aber wieder zum Reichskammergericht in Wetzlar abgeordnet. Die Anstellung macht den nunmehr Fünfundzwanzigjährigen von den mütterlichen Geldzuweisungen unabhängig und erlaubt ihm noch im gleichen Jahr seine Cousine Luise aus Bochum zu heiraten. Die Vorgeschichte zu dieser Hochzeit mit den wechselseitigen Familienbesuchen, der Verlobung und der Eheschlie­ßung selbst ist eine überaus amüsante. Aus Platzgründen muß ich es mir jedoch versagen Einzelhei­ten hierüber zu verbreiten. Doch sollte ich, da es für Grolman’s Lebensführung bezeichnend ist, erwähnen, daß die Eheschließung, um den in Gießen unumgänglichen Aufwand zu vermeiden, in Rodheim, zwei Wegstunden von Gießen entfernt, von dem befreundeten Prediger Mallinkrodt vollzo­gen wird. Fünf Kinder aus dieser Ehe sterben in den ersten beiden Lebensjahren. Nur Friedrich, der mit 25 Jahren noch vor seinem Vater stirbt, Christian und Wilhelmine wachsen heran. Christian wird Major der Landwehr und bewirtschaftet das 1789 von seinem Vater erworbene Gut Heibertshausen bei Lollar, nördlich von Gießen. In der Mitgliederliste der 1817 reaktivierten Gießener Loge wird er im Lehrlingsgrad geführt.

 

Aber wenden wir uns wieder dem Vater zu und umreißen anhand einiger Daten seinen beruflichen Weg: 1769 wird er Regierungsrat, 1775 ernennt man ihn zum landgräflich hessen-kasselschen Legationsrat, desgleichen von Braunschweig-Calenberg und des Fürstentums Hersfeld. 1780 schließlich setzt ihn der Landgraf als Direktor des Regierungskollegs, sowie des Kirchen- und Schulwesens in Oberhessen ein. Damit ist Grolman höchste Autorität in Oberhessen. Er ist Regie­rungschef, dem aber nicht nur die Verwaltung, sondern auch das gesamte Kirchen- und Schulwesen untersteht, einschließlich der profanen und kirchlichen Gerichtsbarkeit. Man muß den gesamten Umfang seiner Verantwortlichkeit sehen, will man sein Verhalten in den ihn zum Vorwurf gemachten Fällen sachgerecht und objektiv beurteilen.

 

1786 wird ihm der preußische Briefadel verliehen. 1791 erhält er den ehrenvollen Auftrag die Ver­pflichtung von Rat und Bürgerschaft der Stadt Wetzlar auf den neuen Landesherrn entgegen zuneh­men. Schließlich beordert das Vertrauen des Landgrafen ihn 1803 eine zeitlang nach Arnsberg, wo er die säkularisierten, ehemals kurkölnischen Territorien des Herzogtums Westfalen in den hessen-darmstädtischen Staatsverband eingliedert. Als Dank für die ihm erwiesenen treuen Dienste verleiht ihm der Landgraf 1806 rückwirkend ab 1804, den Titel eines Wirklichen Geheimrates.

 

Diese aus einer Fülle anderer ausgewählten Fakten weisen aus, daß Grolman ein ebenso tüchtiger wie erfolgreicher, aber auch exponierter Mann in Hessen-Darmstadt ist. Parallel zum beruflichen Werdegang verläuft ein nicht minder bedeutsamer innerhalb der Freimaurerei. Doch können wir im Rahmen dieses Vortrages nur drei Punkte dieses Bereiches herausgreifen, die für unser Thema von Belang sind: Grolman’s Mitgliedschaft im Illuminatenorden, die Schließung der Gießener Loge "Ludwig zu den drei goldenen Löwen" und der Fall Greineisen.

 

Lennings Handbuch vermerkt: "Er trat der strikten Observanz und dem Illuminatenorden bei, war jedoch später von denen, die die Illuminaten am eifrigsten als Staatsverbrecher denunzierten" - und wenige Zeilen vorher heißt es: "Überall witterte er, der selbst mit verschiedenen Geheimbündnissen sich eingelassen, Verräter der von ihm vertretenen Sache, was den Untergang der Loge, die ohnehin schon anonym gearbeitet hatte, herbeiführte."

 

Dem ist entgegenzuhalten, daß Grolman, sieht man von seiner vorübergehenden Mitgliedschaft im Illuminatenorden ab, zu keiner Zeit mit anderen geheimen Organisationen in Verbindung gestanden hat. Vergleicht man seinen Weg als Freimaurer mit den Wanderungen seiner Zeitgenossen, so wird man eine an Deckungsgleichheit grenzende Übereinstimmung feststellen.

 

Bezüglich seiner Mitgliedschaft im Illuminatenorden wollen wir Grolman einmal selbst zu Wort kom­men lassen! In einem Brief vom 6. Oktober 1794 an den Leibarzt des Königs von England, Johann Georg Ritter von Zimmermann, schreibt er unter anderem: Bald sei er das Ziel der Bemühungen des Illuminatenordens geworden, wobei offenbar die Absicht, durch ihn den künftigen Landesherrn zu gewinnen, mitgewirkt habe. Was ihn zum Beitritt getrieben habe, sei teils Neugierde gewesen nach dem großen Aufschluß der Maurerei, teils die Hoffnung, daß hier neue Wege der Verbesserung des Schulunterrichtes finden könne, dem er ihn Gießen vorgesetzt sei. Noch ehe er die Minervalgrade, das sind die unteren drei Grade, erhalten habe, habe er Verdacht geschöpft aus der Bevorzugung, die man ihm, einem noch ungeprüften Individuum zuteil werden ließ und daraus gemutmaßt, daß er für noch geheim gehaltene Zwecke ausgenutzt werden solle. Dieser Verdacht habe sich verfestigt, als von Ditfurth ihn über den Inhalt eines mit Knigge geführten Gesprächs informiert habe, in dessen Verlauf Knigge seine Welteroberungspläne geoffenbart habe. Auch seinen für ihn die Angriffe der Ill­uminaten auf die Christenreligion, der er aufrichtig und mit Überzeugung zugetan sei, unerträglich gewesen. So sei denn in ihm der Entschluß herangereift, so bald wie möglich aus diesem Zauber­kreis auszuscheiden.

 

Grolman’s Distanzierung von den Illuminaten und die sich hieraus entwickelnde Auseinandersetzung von diesen als Verrat verschrien wird, ist wohl verständlich. Doch wird dieser Vorgang von anderer Seite mißbraucht, Grolman den Stempel des Verräters par excellence aufzudrücken und Unaufrichtig­keit als Grundzug seines Charakters hinzustellen.

 

Es fällt schwer bei dieser Unterstellung von Unkenntnis ausgehen zu wollen. Viel mehr drängt sich im Kontext aller dieser bezüglichen Aussagen der Eindruck der gezielten Verleumdung auf. So wird ihm unter dem Stichwort "Grolman" im Handbuch ohne jede sachliche Begründung die Schuld am Untergang der Gießener Loge angelastet. Unter dem Stichwort "Gießen" versteigt der zuständige Autor sich gar zu der Behauptung, Grolman habe - und wie kann es anders lauten, wenn man nichts Konkretes nachweisen kann - im Geheimen gegen die Freimaurerei geschrieben und gewirkt.

 

Bei der Reaktivierung der Gießener Loge im Jahre 1817 liest sich das Geschehen um die Logen­schließung in Anwesenheit der damaligen Mitglieder noch ganz anders. Ich zitiere aus: "Kurze Nach­richt von der Gründung des Maurer-Tempels Ludwig zur Treue im Morgen von Gießen nebst einigen darin gehaltenen Reden, erschienen 1817: "Nachdem die ehemalige Maurerloge zu Gießen in den ersten Jahren der französischen Staatsumwälzung - wo die Unbesonnenheit und Verkehrtheit, mit welcher in Frankreich die erhabensten und liberalsten Ideen entweiht wurden, mit Recht besorgen ließen, daß auch die Maurerei, gleich anderen ehrwürdigen Instituten, verkannt oder mißbraucht wer­den möchte - aus weiser Vorsicht war geschlossen worden."

 

Anläßlich des 50. Stiftungsfestes 1857 wiederholt der Festredner zwar diese Passage noch wörtlich, glaubt ihr aber hinzufügen zu müssen: "Der Einfluß des Vorsitzenden von Grolman scheint für das Gedeihen der Loge kein günstiger gewesen zu sein, so daß dieselbe am 10. November 1791" - was nicht richtig ist - "ihre Tätigkeit einstellte." Von den Mitgliedern der unter Grolman’s Leitung arbeiten­den Loge lebt zu diesem Zeitpunkt niemand mehr, der den Unsinn dieser Auffassung richtigstellen könnte.

 

Sucht man nach der Quelle dieser zunächst noch zurückhaltenden Diffamierung, so entdeckt sie wenige Zeilen zuvor in der gleichen Festrede, wo es heißt, daß es Grolman in Verbindung mit Starck nicht gelungen sei den 1785 vollzogenen Eintritt der Gießener Loge in den Eklektischen Bund zu ver­hindern. Weder trifft es zu, daß sich die Gießener Loge 1785 dem Eklektischen Bund angeschlossen hat, noch daß Grolman in Verbindung mit Starck den Anschluß zu verhindern suchte.

 

In dem Schreiben Grolman’s vom 3. April 1791 an den Landgrafen hört sich das folgendermaßen an: "Unter Euer Hochfürstlichen Durchlaucht höchstem Vorwissen, wurde uns jedoch eine neue Einrich­tung gegeben, nach welcher zwar das Ritual des sogenannten Eklektischen Bundes, weil es mit den echten alten Maurergraden am meisten übereinstimmte, angenommen ward, wir jedoch in diesen Bund nicht eintraten."

 

Dennoch wird im Handbuch behauptet: "Daß die Gießener Loge dem Eklektischen Bund beitrat, trotz den von Starck verbrochenen geheimen Kenntnissen, wenn sie ihm folgen und eine Loge in seinem Sinne einrichten wolle, geschah gegen Grolman’s Willen." So wenig die Loge dem Eklektischen Bund beigetreten war, so wenig hat Starck den Gießenern geheime Kenntnisse versprochen und versucht die Loge in seinem Sinne - soll wohl besagen im Sinne des Klerikats - einzurichten. Hier geistert immer noch das Starck’sche Klerikat durch die Hirne seiner Gegner, das dieser zu diesem Zeitpunkt aus Gründen aufgegeben hatte, auf die ich hier nicht näher eingehen kann. Mir liegt die gesamte Korrespondenz Grolman’s mit Starck und mit dem Landgrafen vor. Darin ist keine Zeile enthalten, die den ausgesprochenen Verdacht begründen oder bestätigen könnte.

 

Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß Lenning respektive der die Stichwörter "Grolman" und "Gießen" bearbeitende Mitarbeiter sich auf Kloss gestützt hat. Ich bin mir dessen so sicher, weil ich nicht nur die Starck und Grolman betreffenden Stücke der in den Haag deponierten "Klossiana" gele­sen sondern Klossen’s Abschriften mit den in Darmstadt archivierten Originalen verglichen habe. Sieht man von gelegentlichen Auslassungen ab, seien sie vorsätzlicher oder unbeabsichtigter Natur, so fallen Klossen’s zahlreiche Anmerkungen ihrer scharfen, gegen Starck gerichteten Tendenzen wegen auf, wie auch der einer tiefen Abneigung entspringende Argwohn, mit der jede Wortwendung auf ihre Verwendbarkeit gegen Starck förmlich abgeklopft wird.

 

Klossen’s Feindschaft gegenüber Starck und die ursächlich daran gekoppelte Animosität gegenüber Grolman hat in Klossen’s maurerischer Herkunft, der Frankfurter Loge "Zur Eintracht" ihre Wurzeln. Bekanntlich ist der Eklektischen Bund ein Sproß der Loge "Zur Eintracht" und wir haben eben gehört, daß man Starck die Verhinderung des Anschlusses der Gießener Loge an den Eklektischen Bund anlastet.

 

Dabei sind die Ursachen und Zusammenhänge, die zu der von Grolman geübten Zurückhaltung in der Anschlußfrage geführt haben, völlig andere als immer wieder unterstellt wird. Wir kommen wie­der auf das Schriftstück vom 3. April 1791 zurück, das im direkten Widerspruch zu seinem Inhalt von Grolman’s Gegnern als Beleg für dessen angeblich einseitigen Willensakt bei der Schließung der Loge herangezogen wird. Wer sich in der freimaurerischen Ordnung auskennt - und das sollte man auch bei Grolman’s Gegnern voraussetzen - der weiß, daß selbst in der damaligen Zeit die Schlie­ßung einer Loge nicht von einem einzigen Bruder, sei er auch Meister vom Stuhl, betrieben werden konnte. Aus dem zitierten Schreiben, in dem Grolman stets die erste Person des Plurals, die Wir-Form benutzt, geht hervor, daß der Abfassung des Schreibens ein lange andauernder Meinungsbil­dungsprozeß innerhalb der Bruderschaft vorausgegangen ist.

 

Grolman hat auch nicht, wie behauptet wird, die Schließung der Loge beantragt, sondern sah sich "durch viele Mitglieder, die teils die Ungewißheit marterte, teils im ersten oder zweiten Grad stehend weiterkommen wollten, aufgefordert untertänigst anzufragen, ob Seine Hochfürstliche Durchlaucht gnädigst befehlen, daß wir unsere Logenversammlungen so wie bisher fortsetzen, oder ob wir unsere Arbeit und die Loge schließen sollen?"

 

Diese Anfrage weist auf die Abhängigkeit der Loge in allen entscheidenden Fragen von ihrem Protek­tor, dem Landgrafen Ludwig, hin. Sie kommt bereits in den Dankschreiben nach Errichtung der Loge 1778 zum Ausdruck, wo die Loge sich "in tiefster Unterwürfigkeit" für "Euer Großfürstlichen Durch­laucht höchster Genehmigung" zur Errichtung der Loge bedankt. Aus den Gründungstagen belegt ein weiteres vom Landgrafen eigenhändig ausgefertigtes Dokument dieses Abhängigkeitsverhältnis, in dem derselbe die Besetzung der Logenämter bis in alle Einzelheiten festlegt.

 

Der Landgraf reagiert auf die Anfrage Grolman’s unentschlossen. Er ordnet, wie wir einem Schreiben Grolman’s an den Landgrafen vom 9. Februar 1796 entnehmen, an, "daß vor der Hand noch alles beim Status quo verbleiben solle."

 

Man muß bei der Untersuchung der Angelegenheit vor allem einmal von der verkürzenden, nur aufs Lokale gerichteten Sicht der Dinge abgehen und den Blick zunächst auf Darmstadt richten, danach aber auch auf die Entwicklung der Freimaurerei im deutschen Sprachgebiet. So heißt es bei Lenning zwar: "Das Fürstenhaus betätigte sich zeitweise sehr rege in der Freimaurerei. Der landgräfliche Hof zu Darmstadt stellte dem Bund eine ganze Reihe von eifrigen Mitgliedern," doch dieser zeitweilige Eifer reicht nicht aus, um in der hier behandelten Zeit in der Residenzstadt, geschweige denn außer­halb, eine Loge zu errichten. Die einzige in Hessen-Darmstadt vor der Jahrhundertwende arbeitende Loge ist die in Gießen. Ihre Gründung geht auf eine gemeinsame Initiative Grolman’s mit von Ditfurth zurück. Dem Erbprinzen und späteren Landgrafen Ludwig X. wird man ein lebhaftes Interesse an der Freimaurerei sicherlich nicht absprechen können,  er ist aber durch den desolaten Zustand der Freimaurerei und mehr noch durch die Verbreitung der im Untergrund agierenden konspirativen Verbindungen so verunsichert, daß er sich abwartend verhält. Er hofft trotz der fehlgeschlagenen Konvente der 70er und 80er Jahre auf eine baldige Bereinigung der maurerischen Landschaft, in der er eine eigene darmstädtische Großloge zu errichten gedenkt. In dieser Absicht stimmt er mit der Mehrzahl der Landesfürsten überein, die durch die Installation eigener Großlogen unkontrollierbare Einflüsse von außen auf das politische und gesellschaftliche Leben ihrer Territorien abzuwenden suchen. Dieses Vorhaben Ludwigs führt zu seiner Entscheidung, der Gießener Loge zwar die Über­nahme der eklektischen Rituale zu erlauben, nicht aber den Anschluß an den Bund. Es ist absurd in diesem Zusammenhang von Starck und seinem Klerikat zu reden.

 

Ein weiteres ist zu beobachten, wenn man die Stadtmauern Gießens einmal hinter sich läßt, daß nämlich die Schließung der dortigen Loge kein isolierter, auf Gießen beschränkter Vorgang, sondern lediglich das Glied in einer langen Kette von Logenschließungen überall im deutschen Sprachraum ist. Ein Blick in Br. Geppert’s Stammbuch der Freimaurerlogen Deutschlands führt zu der Erkenntnis, daß Ende der 90er Jahre nur noch eine verschwindend kleine Zahl von Logen arbeitet, die meisten zudem mit einem französischen Patent, die verschiedenen der noch als arbeitend ausgewiesenen Logen habe ich aufgrund eigener Untersuchungen starke Zweifel an der vorgegebenen Logentätig­keit in dieser Zeit. Entweder hat man nicht gründlich genug nachgeforscht oder die Tatsache einer vorübergehenden Logenkarenz verdrängt.

 

Im Zuge dieser durchgängigen Entwicklung stellen auch die Loge "Zur Einigkeit" und der Eklektische Bund die Arbeit ein. Ditfurth, den das Handbuch als den Vater des Eklektischen Bundes vorstellt, re­signiert bereits 1791. Doch während das Handbuch Ditfurth’s Rücktritt mit dem Hinweis entschuldigt, man habe ihm wenig Dank für seine Arbeit gewußt, konstruiert das Buch aus dem vergleichbaren Verhalten Grolman’s einen Fall von Verrat.

 

Um das in der freimaurerischen Historiographie verzerrte Bild Grolman’s zurecht zu rücken, ist es un­umgänglich auf den Vorwurf, er habe selbst überall Verräter gewittert, sei ängstlich und als ein streng Konservativer ein entschiedener Gegner aller freisinnigen Bewegungen gewesen, eingehen.

 

Wer sich mit dem 18. Jahrhundert beschäftigt hat, dem sind Klubs, Lesegesellschaften, Studenten­orden und geheime Verbindungen der unterschiedlichsten Couleur als eine Spezifität dieses Jahr­hunderts vertraut, ihn werden sicherlich die Auftritte der zahlreichen Abenteurer und Betrüger inner­halb dieser Gruppierungen amüsiert, gelegentlich auch irritiert haben. Dank der auch bei uns im letz­ten Jahrzehnt sich ausweitenden Forschung gewinnen wir gerade auch im freimaurerischen Bereich neue Erkenntnisse, die das Bild dieses Jahrhunderts in immer klareren Konturen erscheinen lassen. Dieses Bild macht vieles heute greifbar, was den Menschen damals unklar bleiben mußte, was sie nur intuitiv fürchteten und wogegen sie sich zu wehren suchten. Wir beobachten die anfängliche Begeisterung der Intellektuellen, vor allem der Literaten, für die Ideale, die zur französischen Revolu­tion führten. Nach diesem Ereignis registrierten wir das verbreitete Entsetzen über das hemmungs­lose, entmenschte Wüten der entfesselten Massen.

 

Görres, bei dem der Wandel von der hellodernden Begeisterung über die Bestürzung zur entschiede­nen Gegnerschaft besonders deutlich zu verfolgen ist, war in seiner Begeisterungsphase noch einer der Gegner Grolman’s. Später erscheint seine politische Linie mit der Grolman’s vergleichbar.

 

Grolman war kein genereller Gegner freisinniger Bewegungen, was immer man darunter zu verste­hen hat, wäre er als ein solcher sonst Freimaurer geworden und hätte sich über drei Jahrzehnte für die freimaurerischen Ideale mit seiner ganzen Person eingesetzt? Wäre er der streng Konservative gewesen, als den man ihn gerne hinstellt, hätte er es dann auf sich genommen im Orthodox-lutheri­schen Oberhessen die Anerkennung der katholischen Kirche und den Schutz ihrer Gottesdienste durchzusetzen?

 

Wo er als der ängstliche, streng konservative, Verrat witternde Schnüffler dargestellt wird, läßt man bewußt außer acht, daß er als der oberste Hüter von Recht, Ordnung und Sicherheit in Oberhessen zur Überwachung jener Gruppierungen verpflichtet ist, die sich geheimbündlerisch betätigen, oder als solche in Verdacht geraten. In Erfüllung dieses Auftrages muß er sich zwangsläufig anders verhalten, als dies einem Arzt, einem Gutsbesitzer oder wem sonst möglich ist. Hinzu kommt, daß er innerhalb seines Dienstbereiches Einblicke in Vorgänge hat, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Dazu gehören in erster Linie die nicht unerheblichen konspirativen Umtriebe in der Studentenschaft, dazu gehört die Erfassung subversiver Literatur und die Unterbindung ihrer Verbreitung. Über beide Kom­plexe fand ich in Grolman’s Nachlaß hinreichendes Material, das sein Vorgehen nicht nur rechtfertigt sondern als zwingend notwendig erscheinen läßt.

 

Es ist im Rahmen dieses Vortrages nicht möglich auf die gewiß recht interessanten Einzelheiten seiner Untersuchungen einzugehen, doch möchte ich aus dieser Materialfülle wenigstens den Greineisen-Fall herausgreifen, weil dieses Verfahren gerne als Beweis für seine Ängstlichkeit und Willkür angeführt wird.

 

Der Doktor der Rechte Johann Ludwig Justus Greineisen kommt nach Studien in Gießen und Jena 1790 als Privatdozent an die Universität Gießen. 1794 wird er des Jakobinismus verdächtigt festge­nommen und ein Jahr in Untersuchungshaft gehalten, danach des Landes verwiesen. Der Fall erregt durch Greineisens von Knigge finanzierter und gesteuerter Schrift "Eine Geschichte politischer Ver­ketzerungssucht" weites Aufsehen. Grolman reagiert in dem von ihm herausgegebenen Journal "Eudämonia oder deutsches Volksglück" und im "Grauen Ungeheuer". Greineisens Pamphlet ist juri­stisch gesehen ein erstaunlich miserables Machwerk, da er die darin gegen Grolman erhobenen Vorwürfe und Anklagen im Verlauf seiner Schrift selbst Stück um Stück entkräftet oder gar widerlegt. Obwohl die seinerzeitigen Untersuchungsakten heute nicht mehr greifbar sind, ist allein aus den Ausführungen Greineisens unschwer abzuleiten, daß das in seiner Wohnung beschlagnahmte Bela­stungsmaterial ausgereicht haben muß ihn zu relegieren und des Landes zu verweisen. Greineisen zieht nach Hamburg, das auch innerhalb der Freimaurerei zu dieser Zeit stark jakobinisch durchge­setzt ist und wird dort Aufseher im Lesezimmer und in der Bibliothek der Gesellschaft Harmonie. Mit dem ihn vorgesetzten Vorstehern dieser Einrichtung kommt es zu Mißhelligkeiten, die seine Entla­stung zur Folge haben. Auch hier reagiert er seinen Zorn in einer sogenannten Verteidigungsschrift ab, die zwar nicht den Umfang des auf Grolman bezogenen Pamphlets erreicht, die Greineisen aber als den wiedererkennen läßt, als der er uns in Gießen begegnete.

 

Es ist eigenartig, daß Schuld und Verfehlungen immer nur einer Seite, ich möchte sie einmal die Verliererzeit nennen, aufgebürdet werden. Ein Blick in unsere Vergangenheit, wie in ihr vielfach Hel­den zu Verrätern und Verachtete zu nationalen Vorbildern wurden. Es dürfte bei uns wohl kaum ein Denkmal, kaum ein den Großen ihrer Zeit zugedachter Straßennamen die letzten anderthalb Jahr­hunderte ohne Korrektur überdauert haben. Jedes Regime bedient sich der Geschichte als eines Steinbruchs zum Bezug brauchbarer Vorbilder oder abschreckender Beispiele. Ich referierte gerade einige Grundgedanken des kürzlich auf dem Markt erschienen Buches von Hermann Eich "Die miß­handelte Geschichte", ein lesenswertes Buch, aus dem auch wir Freimaurer unsere Schlüsse ziehen sollten.

 

Wenn ich jetzt zum Ende komme, bin ich mir darüber im klaren, daß ich in der verfügbaren Zeit nur ein verkürztes Bild Grolman’s entwerfen konnte. Was ich bot, blieb fragmentarisch, mußte sich begnügen mit einem Abriß seines beruflichen, familiären und freimaurerischen Lebensweges, mußte so wichtige Aspekte wie die seiner Autorenschaft ausgeklammert lassen. Lediglich bei der Zurück­weisung der ihm nach meiner Auffassung sehr zu unrecht nachgesagten Schwächen konnte ich etwas länger verweilen.

 

Es hat mich schon immer gereizt, Überlieferungen von ihrer historiographischen Schale zu befreien, gleichsam den Kern aus seiner Verpackung heraus zu pulen - und es bereitet mir immer wieder ein unsagbares Vergnügen, wenn es mir gelingt zusammengekleisterte Fassaden zum Einsturz zu bringen und die Fakten freizulegen. Gelingt es mir dabei, den von der Geschichtsschreibung rampo­nierten Ruf eines Mitbruders wieder herzustellen, erfüllt mich Genugtuung und Dankbarkeit. Noch ein weiteres Mal stehe ich diesen Monat in einer vergleichbaren Aufgabe vor einem größeren Publikum und dann wünsche ich mir nichts sehnlicher, als daß meine Ausführungen dazu beitragen werden den Respekt meiner Zuhörer vor dem Ruf ihrer Mitmenschen zu sensibilisieren und sie bewegen mögen nachsichtiger und brüderlicher mit ihrer Umwelt umzugehen.


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<!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--> Aus den Gründungsjahren der unter dem Grundgesetz der Großen Loge von Preußen genannt "Zur Freundschaft" in Berlin arbeitenden gerechten und vollkommenen St. Johannisloge Pax inimica malis in Emmerich (ohne Verfasser um 1930)

<!--[if !supportFootnotes]-->[2]<!--[endif]--> im Familienarchiv der von Grolman’s bzw. bei Frau von Erffa

<!--[if !supportFootnotes]-->[3]<!--[endif]--> Festschrift zur 350-Jahrfeier der Ludwigs-Universität - Justus Liebig Hochschule, 1607 -1957, S. 433 ff.

<!--[if !supportFootnotes]-->[4]<!--[endif]--> Winfried Dotzauer, Freimaurergesellschaft am Rhein

<!--[if !supportFootnotes]-->[5]<!--[endif]--> Annalen der Loge zur Einigkeit der Englischen Provincial-Loge, sowie der Provincial- und Directorial-Loge des Eklektischen Bundes zu Frankfurt am Main, 1742-1811.

<!--[if !supportFootnotes]-->[6]<!--[endif]--> Johann Christoph Mallinkrodt stammt aus Dortmund und ist über die Familie Esselen mit den Grolman’s weitläufig verwandt.

<!--[if !supportFootnotes]-->[7]<!--[endif]--> Ausgabe 1863, S. 562 und 3. Auflage 1900, 1. Bd. S. 386

<!--[if !supportFootnotes]-->[10]<!--[endif]--> E.-G Geppert: "Die Freimaurer-Logen Deutschlands 1737-1972" Matrikel und Stammbuch, Hamburg 1974



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