CHRISTIAN STEINFELDER
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Japan


Buchungsanfrage.

Personen: 2

Sprache: Englisch, Japanisch


Ich kann nicht genau sagen, wie viele Gäste ich eigentlich schon beherbergt habe. Aber erstaunlicherweise kann ich mich noch ganz genau an die ersten Gäste erinnern, wobei mir allerdings die Namen nicht mehr in Erinnerung geblieben sind. Daher benutze ich einfach Fantasienamen. Ich weiß noch, es war August und ziemlich heiß. Das Zimmer war perfekt gereinigt, Cola und Wasser im kleinen Kühlschrank, frischer Kaffee neben der Kaffeemaschine und selbst das Schokoladenstückchen auf den Bettkissen fehlte nicht. Kitschig, ich weiß!

Wie immer gab ich bei der Buchung nochmal meine genaue Adresse bekannt. Ich schreibe den Gästen dann auch immer noch das Stockwerk und meinen Nachnamen, damit man gleich weiß, welche Türklingel man drücken muss. Außerdem auch noch die genaue Wegbeschreibung von der Ubahnstelle zu meiner Wohnung.

In diesem Fall war ich verständlicherweise besonders genau, zumal ich mich auf Englisch verständigen musste und ich eben vorher noch nie Zimmergäste hatte.  Die Gäste kamen aus Japan. Ein Mann und eine Frau hatten das Zimmer gebucht!

Ich wartete also an diesem Nachmittag auf das Knattern der Reisetrollys, die man immer hört, wenn Gäste den Hinterhof der Wohnanlage betreten. Ich hörte nichts. Nicht einmal die spielenden Kinder, die man um die Zeit hört. Warscheinlich waren die im Freibad oder blieben lieber in den kühlen Wohnungen.

Ich wechselte immer zwischen Balkon und Wohnzimmer. Mein Balkon ist zwar sehr groß und bietet viel Platz, aber hat im Sommer den Nachteil, daß er fast kein bischen Wind zulässt und dementsprechend stickig und warm ist. Natürlich war ich sehr aufgeregt. Schließlich waren das meine ersten Zimmergäste und ich wollte nichts falsch machen und mich bestens präsentieren. Der erste Eindruck ist eben entscheidend. Für den Gastgeber und auch für die Gäste.

Ich wurde von Minute zu Minute nervöser und hüpfte immer wieder am Balkon auf und ab, um dann wieder im Wohnzimmer zu verschwinden. Die Gäste tauchten einfach nicht auf.

Ich gab ihnen doch die richtige Adresse! Schwachsinn! Natürlich gab ich ihnen die richtige Adresse. Ich habe schließlich nur die eine. Meine Telefonnummer haben sie auch. Klar, die bekommen sie vom Buchungsportal zusammen mit der Adresse. Eigentlich müsste ich den Japanern nichts an Informationen mitteilen, denn alle Informationen, die sie brauchen, bekommen sie von ....com. Aber korrekt wie ich nun mal bin, schreibe ich den Gästen trotzdem immer alles nochmal. Wo also zum Kuckuck bleiben sie denn?.....

„Knööööööörgh“...dieses Geräusch durchzuckte meinen ganzen Körper. Dieses Geräusch benutzt auch mein Nachbar, wenn er sich mal wieder eine Tasse Zucker oder ein Ei ausleihen will. Dieses Geräusch benutzt auch der Paketlieferant, wenn er mal wieder Pakete für genau diesen Nachbarn bei mir abgeben will und dieses Geräusch benutzt auch der Gerichtsvollzieher, wenn er bei mir mal wieder die GEZ-Gebühren kassieren will. Es war...die Wohnungsklingel! Und diesmal wurde sie von einer vierten Art von Mensch benutzt: den Japanern!

Wie um alles in der Welt haben sie es geschafft, ohne Trollyknattern zu meiner Wohnungstür zu gelangen? Sind sie wie in den japanischen Kampffilmen gesprungen und teilweise geflogen? Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht. Ich öffnete die Tür und zwei grinsende, kleine Personen strahlten mich von einer Wange zur anderen an.

„....com?“

Das war die erste Begrüßung. Und gleich danach folgte die zweite. Mein Nachname. Allerdings nicht ganz so, wie man ihn vielleicht erwartet.

„sta...sta...stafalder?“

Ich wusste nicht mehr, wer von den beiden versuchte, meinen Nachnamen aus zu sprechen. Es klang immer so, als würde ein Mann ihn sprechen. Selbst die Frau sprach mit dunkler Stimme und später konnte ich nie vorher erahnen, wer von beiden gerade an meiner Wohnzimmertür klopfte, weil er/sie eine Frage hatte. Tja, nichts entspricht eben dem Klischee.

Während sie immer wieder versuchten, meinen Nachnamen korrekt aus zu sprechen, verbeugten sie sich dauernd. Das widerum erfüllte das Klischee voll und ganz.

Der Mann hieß Naruto, wie sich später herausstellte. Seine Frau nannte sich Yuki. Sie war jünger als Naruto, was unschwer zu erkennen war. Klischee, Klischee, Klischee...!

Für das heiße Wetter waren beide eigentlich viel zu warm angezogen. Er trug eine braune Stoffhose, Halbschuhe, langärmliges Hemd und darüber noch eine leichte Jacke, in der noch die Flugtickets zu sehen waren. Ich schätzte ihn grob auf Fünfzig. Und dabei immer wieder dieses Grinsen. Yuki trug eher leichte Kleidung. Kurzer, cremefarbener Rock, weiße Bluse und einen hellen, leichten Blazer. Dazu weiße Turnschuhe. Sie schätzte ich auf höchstens Mitte Dreißig.

Wo zum Henker waren die Fotoapparate? Klischee, Klischee, Klischee...!

Ich streckte beiden freundlich meine Hand entgegen, was zaghaft erwidert wurde. Schüttelt man sich in Japan nicht die Hände? Wie auch immer, das Grinsen verschwand dadurch kein bischen.

Aber zumindest hatte ich sie buchstäblich in der Hand und konnte sie in die Wohnung ziehen. Ich wollte die Begrüßungszeremonie nicht im Hausflur stattfinden lassen. Und dann kam auch das langersehnte Knattern der Trollys, als sie ihr Gepäck in die Wohnung zogen.

„Welcome to munich!“, begrüßte ich beide und meinte das wirklich ehrlich. Ich bin zwar Schauspieler, aber irgendwo auch Privatmensch und vor allem ein ehrlicher Privatmensch.

„Ahhhhhh, welcome!“ antworteten beide in einem Atemzug. Fast synchron. Dieses „Ahhhhh“ wird mich die nächsten fünf Tage noch sehr verfolgen, denn beide antworteten immer mit diesem erstauntem „Ahhhhh“ auf jede Bemerkung von mir oder auf jeden Hinweis von mir.

„This is you room for the next five days!“

„Ahhhhh, the room!“

„There is your own fridge!“

„Ahhhhh, own fridge!“

„Coffee and tea for free!“

„Ahhhhh, free coffee, free tea!“

Spätestens an dieser Stelle konnte ich mir das Lachen kaum verbeissen. Ich grinste nur wie meine Gäste. Nämlich von einer Wange zur anderen.

Ich zeigte ihnen dann das Badezimmer und natürlich kommentierten sie es mit grinsendem „Ahhh, the bathroom!“. Mein Lachen wollte gerade meinen Mund verlassen, da fragte mich Yuki, wohin denn die Tür neben meinem Badezimmer führen würde. Ich sagte ihr, es wäre mein Schlafzimmer und sehr privat. Dabei hob ich meinen Zeigefinger und winkte damit. Beide sahen sich an und kicherten los und hielten sich dabei umständlich den Mund mit der Hand zu.

„Ahhhhh, private, private!“

Mein Lachen wollte dann doch nicht meinen Mund verlassen, sondern entschied sich, im Hals stecken zu bleiben. Bei meinem Anblick wurden Yuki und Naruto augenblicklich still.

„Nice flat, nice flat!“

Freundlich übergab ich den beiden Asiaten sowohl den Zimmerschlüssel, als auch den Wohnungsschlüssel, mit der Bitte, gut darauf zu achten. Ich habe selbstverständlich ein zweites Exemplar von jedem Schlüssel, aber das muß ich ja nicht unbedingt jedem Gast sagen. Und wenn der Gast denkt, er hätte nur das Einzige Exemplar, dann passt er vielleicht besser darauf auf. Allerdings haben auch Gäste schon der öffteren den Schlüssel im Zimmer vergessen. Das sind dann die Nächte in denen man Nachts um drei Uhr aus dem Schlaf gerissen wird, weil der Gast gerade von der Discothek nach hause kommt. Zu diesem Thema kann ich später noch genauere Geschichten schreiben.

Yuki und Naruto begutachteten inzwischen das Bett. Es ist kein großes Bett. Eher eine gute Größe für eine Einzelperson. Dennoch biete ich das Zimmer eben auch für zwei Personen an und das schließt das Bett mit ein. Außerdem lässt sich das Sofa im Zimmer noch zum Schlafsofa ausklappen. Das ist perfekt für Personen, die zwar gemeinsam das Zimmer buchen, aber nicht unbedingt auch ein Paar sind.

Kichernd standen beide vor dem Bett, als ich dazu kam. Ich fragte mich im ersten Moment, warum die beiden so kicherten und mein fragender Blick wurde sofort von Naruto beantwortet.

„Ahhhhh, futon. Japanese style.“

„Ahhhhh!“ Mehr konnte ich darauf nicht antworten.

Nachdem sie dann am Ende der Wohnungsbesichtigung das Passwort für das „Ahhhhh, the WLAN“ bekommen hatten, wünschte ich ihnen einen schönen Aufenthalt und eine schöne Zeit in München. Wenn sie Fragen hätten, dann einfach nur an meine Wohnzimmertür klopfen und mich fragen. Und dieses Angebot wurde gerne angenommen. Mehr als ich mir in dem Moment vorstellen konnte.

In der Nacht schlichen sie sich immer wieder mehrmals ins Bad und versuchten dabei, leise zu sein. Aber da sich mein Schlafzimmer nun mal direkt neben dem Badezimmer befindet, hörte ich natürlich jedesmal wenn sich die Tür öffnete und schloß.

Am nächsten Tag wurde morgens dezent an meine Wohnzimmertüre geklopft und da ich meistens auf meinem Sofa lag und nicht aufstehen wollte, antwortete ich nur mit einem lauten: „Ja, bitte!“ Keine Reaktion. Stattdessen wurde lauter geklopft. Also stand ich widerwillig auf, öffnete die Türe und betrachtete Naruto von oben bis unten. Ich muss ein magisches Gästezimmer haben! Denn ich erblicke einen völlig verwandelten Japaner. Naruto trug helle Shorts, Kniestrümpfe, Sandalen und ein grell-buntes, kurzärmliges Hemd. Das Grinsen allerdings war das Gleiche wie am Vortag.

„We are leaving now“, sagte er und sein Englisch hatte diesen harten, japanischen Unterton.

„Oh, okay. What are your plans for today?“ Nicht, daß es mich wirklich interessiert hätte, aber ich bin ein freundlicher Mensch. Habe ich schon erwähnt, oder?

„Haffbrahass, Haffbrahass...hähähä!“ (Hofräuhaus) Das japanische Männchen strahlte übers ganze Gesicht. Und dann erblickte ich auch den gestern vermissten Fotoapparat. Ich konnte mir wieder kaum mein Lachen verkneifen und grinste ihn ebenso an. Yuki, die plötzlich hinter ihrem Mann/Partner auftauchte, machte mit den Händen Trinkbewegungen und kicherte dabei.

„Well, have fun!“ Beide verließen die Wohnung und sobald die Türe ins Schloß fiel, konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Ich ertappte mich dabei, wie ich noch Minuten später immer wieder „Haffbrahass, Haffbrahass“ sagte und dabei versuchte, den japanischen Akzent zu kopieren.

Am Nachmittag hatte ich selber Dinge zu erledigen und kam recht spät nach Hause. Schon bevor ich das Haus betrat, konnte ich erkennen, daß meine Zimmergäste bereits in der Wohnung waren.

Ich ging ins Wohnzimmer und legte mich auf das Sofa und im nächsten Moment wurde wieder an die Türe geklopft.

„Ja, bitte!“ Das Klopfen wurde wieder lauter und ich stand eben wieder auf und öffnete die Türe.

„We are back!....hähähä!“ Diesmal war es Yuki, die vor mir stand. Sie war krebsrot im Gesicht und ich wusste im ersten Moment nicht, ob sie einen Sonnenbrand hatte, oder schlicht und einfach nur besoffen war.

„Haffbrahass good. Very good. Very crowded.“ Sie nuschelte die Worte nur so und damit wusste ich Bescheid. Allerdings hatte sie außer zuviel Bier, auch zuviel Sonne abbekommen.

Ihr Mann/Partner schlief bereits, wie sie mir mitteilte. Er schaffte vier Maß. Sie wohl nur die Hälfte, was sie aber trotzdem sehr stolz machte.

CHRISTIAN STEINFELDER